Wochenbrief
Fünf Akte des Kollapses
Drei Fragen an Simone Aughterlony zu ihrem neuen Stück «Collapse in 5 Acts: There Is Porn of It». Wochenbrief #68

Copyright: Ali Haji
Liebe Besucher*innen der Gessnerallee, liebe Künstler*innen
Die Performancekünstler*in Simone Aughterlony entwirft mit ihrer neuen Arbeit «Collapse in 5 Acts: There Is Porn of It» eine vielschichtige Performance über Zusammenbruch, Körper und fragile Verbindungen. Am 27. Februar feiert das Stück Premiere – wir haben der Künstler*in drei Fragen dazu gestellt.
Gessnerallee: «Collapse in 5 Acts: There Is Porn of It» verknüpft Formen des Architektur- und Strukturzusammenbruchs mit gesellschaftlichen Systemen wie Kapitalismus, Fortschritt und Geschlechterordnungen. Was bedeutet für dich «Kollaps» – ästhetisch, politisch und körperlich?
Simone Aughterlony: Interessanterweise können wir den Zusammenbruch nur als einen Prozess bezeugen, der durch das zurückbleibt, was übrig bleibt, die Überreste eines Prozesses des Niedergangs. Es handelt sich nicht um ein Verschwinden, sondern um eine Art Abbau durch verschiedene Kräfte, je nachdem, in welchem Bereich das Phänomen des Zusammenbruchs erlebt wird. Mit unserer künstlerischen Forschung versuchen wir, Ideen rund um die Weltgestaltung und das Streben nach ständiger Erneuerung zu umgehen, und in diesem Sinne schlägt die Arbeit eine Politik der Abrechnung mit dem vor, was wir aufgebaut und geerbt haben, bevor wir eine neue utopische Ordnung vorschlagen.
Ästhetisch lädt die Performance zu rohen Materialien ein, die von Verfall zeugen: gebrauchter Kunststoff, zerbrochene Denkmäler, heruntergefallene Rohre. Der Raum bietet jedoch trotz der anhaltenden Präsenz von Ruinen am Horizont immer noch das Potenzial für Bewohnung, Besuche und gesellschaftliche Zusammenkünfte. Anstatt chirurgisch thematisiert zu werden, sind physischer Verfall und Alterung in der Arbeit als gelebte Realitäten auf Körpern präsent. Durch eine geschärfte Aufmerksamkeit für Zeit, unterschiedliche Zeitlichkeiten zwischen Figuren und Vorstellungen von Zeitkontinuität wird der Prozess des Zusammenbruchs nicht linear erlebt, sondern bewegt sich unregelmässig in Schüben und manchmal auch seitwärts.
Die Dramaturgie des Abends ist stark von der Zahl 5 geprägt – von den 5 Phasen der Trauer über die 5 Phasen der Zersetzung bis zu den 5 Akten des klassischen Theaters. Was interessiert dich an dieser numerischen Struktur?
Ehrlich gesagt beschäftige ich mich nicht mit Numerologie. Ich habe jedoch herausgefunden, dass die Zahl 5 vor allem für den Begriff der Veränderung und die Fähigkeit steht, sich an verschiedene Umgebungen und soziale Situationen anzupassen, was zumindest für unser aktuelles politisches und ökologisches Klima relevant erscheint.
Durch die Recherche, insbesondere in Bezug auf die erwähnten Phasen der Trauer und Zersetzung (obwohl es noch andere gab), entstand jedoch eine Unheimlichkeit in der Wiederholung, die uns faszinierte. Die Recherche für die Produktion umfasste viele Laborphasen und verschiedene öffentliche iterative Momente, bevor sie ihre aktuelle Form fand, und der Wunsch, das Werk dramaturgisch um die 5 Akte eines klassischen Theaterstücks herum zu strukturieren, bestätigte diese numerische Beharrlichkeit noch weiter.
Auf der Bühne treffen geheimnisvolle Figuren aufeinander: der König, die Erzähler*in, eine Fee, die Tourist*innen, «The Lack», das Pferd, die Architekt*in. Gemeinsam schaffen sie einen Raum der Undurchsichtigkeit, Erotik und zerbrechlichen Verbindungen. Was erwartet uns noch auf der Bühne?
Die genannten Figuren sind grösstenteils Archetypen, benennbare Positionen oder, im Falle von «The Lack», ein psychoanalytischer Begriff für die Abwesenheit des dem Subjekt innewohnenden Seins, die das Verlangen antreibt. Die Stimme der Erzähler*in spricht aus einer historischen Gegenwart heraus vertraulich mit dem Publikum und bietet auch eigene Reflexionen und Überlegungen an.
Durch den Dialog zwischen Handlung und gesprochenem Wort erkennt man möglicherweise eine Ähnlichkeit zu einigen Schlüsselfiguren unserer aktuellen politischen Realität und damit den Aufstieg und Fall imperialer Ambitionen. Das Gerüst als Apparat, der das Aufbauen und Abreissen von Dingen erleichtert, ist zu einer Schlüsselidee geworden, die wir auf die relationalen Begegnungen innerhalb der Performance anwenden, in dem Bewusstsein, dass die Verbindungen fragil sind und keine Ewigkeit versprechen können.
Sichern Sie sich jetzt Tickets für die Vorstellungen von «Collapse in 5 Acts: There Is Porn of It» am 27. und 28. Februar, 2. und 3. März.
Übrigens feiern wir nur einen Tag vor der Erstaufführung von Simone Aughterlonys neuem Stück eine weitere Premiere, und zwar von «Toi(fel), Toi(fel), Toi(fel)» von Anna Papst und Vincent Glanzmann. Im beliebten Format OPEN STUDIO forschen Künstler*innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen mit dem Klangkünstler, Regisseur und Bühnenbildner Dimitri de Perrot an Inszenierungen mit Klang als zentralem Gestaltungsmittel. Regisseurin, Autorin und Dramaturgin Anna Papst und der multidisziplinäre Künstler Vincent Glanzmann arbeiten in ihrem OPEN STUDIO entlang von Papsts neuem Text «Toi(fel), Toi(fel), Toi(fel)» und nehmen das Publikum mit auf eine akustische Tour durch Stadtteile und Gefühlszustände. Tickets für die Premiere am 26. Februar und weitere Vorstellungen am 27. und 28. Februar sichern.

Copyright: Dimitri de Perrot
Jetzt zum wöchentlichen Überblick über Programmpunkte, Zeitungsartikel, Neuigkeiten und alles, was wir mit Ihnen teilen wollen:
Programm
18. Februar, 17.30 Uhr
In der Gesprächsreihe «Art in Conflict» über künstlerisches Schaffen in Krisengebieten kommen unterschiedliche Akteur*innen zusammen und reflektieren ihre Erfahrungen. Dieses Mal mit Gwen Lesmeister (Dramaturgie und Koordination Theater X) und Roberto Hacaturyan (Musiker und Musikethnologe, artlink und SüdKulturFonds). Mehr Informationen
20. und 21. Februar
Türen sind Portale und Schwellen – und auch ein starkes Bild für Ausschluss und Zugänge: Wer wird (r)eingelassen, wer muss draussen bleiben? Gemeinsam mit der Choreografin Sabine Schindler und der Sozialpädagogin Bettina Aremu proben die teilnehmenden Jugendlichen des Projekts «Kids in Dance» zwei Wochen im Nordflügel und gehen dabei von ihren Lebensrealitäten – ihren Momenten der Zugehörigkeit und der Ausgrenzung – aus. Daraus entsteht ein Tanzstück, das dem Publikum eine Tür in die Erfahrungswelt der Jugendlichen öffnet und zum Austausch einlädt. Mehr Informationen
Wollen Sie mehr über das Projekt Kids in Dance erfahren? Dann lesen Sie die Reportage der Journalistin Isabel Brun, die letztes Jahr bei «Tsüri.ch» erschien.
Zeitung

Die Möglichkeit, die ganze Welt zu meinen
Im Format «Gedanke zu Theater» schreiben verschiedene Autor*innen über ihre «Gedanken zu Theater». Ein Beitrag von Schriftsteller*in Laura Leupi über grosse Gefühle, grosse Ängste und die Möglichkeit, die ganze Welt zu meinen. Zum Beitrag
Wir freuen uns auf Ihren Besuch.
Ihr Team der Gessnerallee

Copyright: Hannah Gottschalk
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