Statt aber Tanztechniken zu lernen, die schon existierten, für Körper, die so anders waren als ihr eigener, drehte Claire die Logik für sich um. Und begann, ihre eigene Bewegungssprache zu erkunden. «Ich fand, dass meine Zeit besser investiert war, wenn ich meine eigenen Bewegungsabläufe innerhalb meiner ganz eigenen Realität erkundete. Und mich fragte: Wie bewege ich mich? Wie sehe ich die Welt?»
Heute, Jahre nach diesem Tag, zählt Claire Cunningham, geboren 1977 in Schottland, zu den bedeutendsten britischen behinderten Künstlerinnen. Sie lebt in Glasgow und nutzt Krücken nicht nur als Hilfsmittel, sondern als zentrales künstlerisches Ausdrucksmittel in ihren Tanz- und Performancearbeiten.
Für Claire Cunningham sind ihre Krücken körperliche Erweiterung, sind Teil ihres Körpers, ihres Alltags, ihres Berufs. Sie arbeitet spartenübergreifend – von intimen Soloperformances bis zu gross angelegten Ensemble-Stücken – und nutzt Interviews, Musik, Skulpturen und Bewegungen, um das Verhältnis von Körper, Glaube, Behinderung und Identität neu zu verhandeln.
In Produktionen wie «Give Me a Reason to Live», «Guide Gods», «Ménage à Trois» oder «Thank You Very Much» verbindet sie tief persönliche Themen mit gesellschaftlicher Kritik. So auch in «Songs of the Wayfarer», ihrem neuen Stück, das sie an der Gessnerallee zeigt. Inspiriert unter anderem durch Gustav Mahlers «Lieder eines fahrenden Gesellen», durch ihre Lebenserfahrung als behinderte Person, die Erinnerung an ihre Ausbildung zur Sängerin sowie das Wissen von Bergsteiger*innen und crip* allies**, macht sich Claire Cunningham auf den Weg, bekannte und unbekannte Landschaften zu durchqueren.
«Ich möchte, dass sich Menschen verbunden fühlen, wenn sie meine Stücke sehen. Dass sie merken: Ich darf sein, alles an mir darf sein und es ist richtig, wie es ist.»
In ihrem Solo fragt sie, was es bedeutet, zu wandern, nach grossen Höhen zu streben. Wie ist es, von denen unter uns zu lernen, die wie Vierbeiner durch Krücken nach dem Boden streben? Was bedeutet es, weiterzugehen und, vor allem, zu erkennen, wann der Moment ist, umzukehren? In «Songs of the Wayfarer» wird die persönliche Reise zum Liebeslied – tief hinein in die Trauer, aber auch tief hinein ins Glück.
«‹Songs of the Wayfarer› ist ein Stück über das Loslassen, über das Trauern, aber eben auch über das Lachen», sagt Cunningham. «Und ich liebe Humor und Leichtigkeit. Ich möchte, dass sich Menschen verbunden fühlen, wenn sie meine Stücke sehen. Dass sie merken: Ich darf sein, alles an mir darf sein und es ist richtig, wie es ist.» Deshalb beschränkt sich das Erleben von Cunninghams Kunst nicht bloss auf das Betrachten eines Stücks.
Der Achtsamkeit gegenüber Körper und Raum wird auch abseits der Bühne Rechnung getragen. So gilt bei den Aufführungen, dass die Besucher*innen frühzeitig in den Raum kommen dürfen. Um sich zu orientieren. Um sich zu fragen: Wie geht es mir hier drin? Wo möchte ich sitzen? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Das ist Teil des Konzepts. «Wir laden dazu ein, sich einzustimmen, statt überwältigt zu werden», sagt Cunningham.