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Porträt

Konzerte für die Jüngsten und Anspruchsvollsten

Seit 2014 veranstaltet Nadja Furrer im Stall6 eine Kinderkonzertreihe. Die Magie, die dabei zwischen Publikum und Bands entsteht, ist alles andere als selbstverständlich, wie sie bei einem Treffen in der Sommerpause erzählt.

Timo Posselt, 31. August 2026

Bald ist sie hier nicht mehr allein, sondern mit Kindern unterwegs: Nadja Furrer im Stall6. Copyright: Tren Guerrero

Plötzlich tritt die Sängerin der Zürcher Band IKAN HYU bei ihrem Song «Plastic for Free» von der Bühne in den Publikumsraum. Sie greift auf ihrer Gitarre die Akkorde und fragt ein Kind in der ersten Reihe, ob es die Saiten dazu anschlagen will. Und wie es will! Doch es ist längst nicht das einzige. Bald bildet sich um die Gitarristin Anisa Djojoatmodjo eine ganze Traube von Kindern. Immer wieder lässt sie andere auf ihrer Gitarre die Saiten anschlagen, während ihre Bandkollegin Hannah Bissegger sie auf der Bühne am Schlagzeug begleitet. Erst kurz vor dem Ende des Songs tritt Djojoatmodjo zu ihrer Kollegin zurück auf die Bühne. Es ist, als könnten sich weder die Sängerin noch die Kinder im Publikum voneinander losreissen.

Passiert ist das an einem der Kinderkonzerte in der Gessnerallee im vergangenen November, und womöglich steht die Szene stellvertretend für die Magie dieser Reihe, die die Kulturmanagerin Nadja Furrer einst vor 12 Jahren ins Leben rief.

Wie es dazu kam, erzählt sie an einem heissen Sonntagnachmittag im August. Es ist Sommerpause, und die Gessnerallee ruht. Doch als wir die schwere Holztür des ehemaligen Reitstalls aufstemmen, in die kühle Dunkelheit des stillen Stall6 treten, kann man sich ganz gut vorstellen, was hier an den Sonntagnachmittagen der kalten Jahreszeit jeweils stattfindet: die Hunderte Kinder und Erwachsene, die in neugieriger Erwartung durch die Tür kommen, sich mit Sirup und Popcorn eindecken, um schliesslich auf den Sitzsäcken und Teppichen vor der Bühne erst mal Platz zu nehmen, bis die Band auftritt und zu spielen beginnt. Dass es Furrer war, die die Kinderkonzerte nach Zürich brachte, ist je nach Perspektive Zufall oder Fügung.

Denn eigentlich hatte Nadja Furrer nach der Matura in Samedan Tourismus studiert. «Es war das Praktikumsjahr», sagt sie heute, und dann beginnt sie zu erzählen. Davon, wie sie mit knapp 21 Jahren statt in einem Hotel, wie ihre Mitstudierenden, für ein Filmfestival in Chicago in den USA arbeitete. Davon, wie sie den Türsteher*innen der US-amerikanischen Clubs immer wieder erklären musste, dass ihr Geburtsdatum auf ihrer ID europäisch geschrieben sei und nicht etwa 2. Dezember bedeutete, sondern 12. Februar. Sie also alt genug für den Club sei. «Ich hab da viel Aufklärungsarbeit betrieben», sagt sie dann und lacht. Schon damals, beim Filmfestival in Chicago, sei ihr klar geworden, dass es sie woanders hinzog als in die Tourismusbranche.

«Wenn Kinder es nicht gut finden, stehen sie einfach auf und laufen davon.»

Nadja Furrer

Ihr Freundeskreis bestand aus Grafiker*innen, Künstler*innen und Musiker*innen. Noch während des Studiums fing sie an, befreundeten Bands beim Schreiben von Fördergesuchen zu helfen, ihre Touren mitzuorganisieren und Konzerte zu veranstalten. Über die Mutter einer Kollegin kam sie schliesslich in Kontakt mit den Organisator*innen des Tanzfestivals Steps, das alle zwei Jahre vom Migros Kulturprozent an verschiedenen Orten in der Schweiz veranstaltet wird. Kurz darauf begann sie dort als Freelancerin zu arbeiten. «Das war der Grundstein für meine Selbstständigkeit.»

Damit hatte sie ein Grundeinkommen und konnte sich nebenbei weiteren Projekten widmen. So kam sie 2010 zum zeitgenössischen Musikfestival Jazzwerkstatt Bern. Dieses hatte einen festen Programmpunkt, der Furrer besonders in Erinnerung bleiben würde: ein Kinderkonzert. Die Idee sei gewesen, dass eine Band, die jeweils am Abend auf der grossen Bühne auftrat, am Nachmittag einmal für Kinder spielen sollte.

Ein paar Jahre später hatte sie ihre eigene Kinderkonzertreihe nach Zürich gebracht. Von Anfang an sei für sie der Stall6 der Gessnerallee die «absolute Traumlocation» gewesen. Wenn man fragt, warum, deutet sie nacheinander in die unterschiedlichsten Ecken des Raumes und beginnt zu erklären. Der Eingang zum Beispiel sei von der Tür bis vor die Bühne ebenerdig. Der Gang breit, und zur Linken gebe es für Kinderwagen und eine Garderobe viel Platz. «Das ist mega praktisch.»

Wer Kinder hat, weiss genau, was sie meint, zumal für die kalten Monate. WCs gebe es nicht nur hinter der Bühne, wo man während des Konzerts bloss schwer hinkommt, sondern auch beim Eingang. Und dann sei auch Platz für einen Stand mit Merchandise der Bands, für einen Mal- und Basteltisch, für den Verpflegungstisch mit Früchten, Sirup, Popcorn und Maiswaffeln.

IKAN HYU
Kinder wissen ganz genau, was gut ist: Zum Beispiel die Musik von IKAN HYU vergangenen November im Stall6. Copyright: Archiv

Traumlocation Gessnerallee

Als Furrer 2012 mit ihrer Idee für eine Kinderkonzertreihe auf die damalige Leitung der Gessnerallee zuging, sah diese das mit der «Traumlocation» genauso wie sie und nahm ihre Reihe sofort ins Haus auf. Für die Finanzierung schreibt Furrer seither jedes Jahr den Kanton, die Stadt und mehrere Stiftungen an. Nur so gelingt es ihr, nicht nur erschwingliche Billettpreise für die Konzerte zu garantieren, sondern auch Bands fair zu bezahlen und so auszuwählen, dass sie meist schon über die Schweiz hinaus bekannt sind. Denn wer glaubt, dass es einfach sei, für Kinder zu spielen, täuscht sich. «Kinder sind ein anspruchsvolles Publikum», sagt Furrer. Die Bands bräuchten Erfahrung, am besten von Festivals, schliesslich würden sie dort lernen, vor einem Publikum zu spielen, das nicht bloss aus eigenen Fans besteht. «Wenn Kinder es nicht gut finden, dann stehen sie einfach auf und laufen davon.» Bis jetzt sei das bloss ein einziges Mal geschehen, sagt Furrer. Dabei hat sie stets Bands eingeladen, die ansonsten für Erwachsene spielen. Musikalisch reichen sie von Latin über Indiepop bis zu Hip-Hop. Was helfe, sei eine Band, die eine Verbindung zu den Kindern herstellen könne, erzählt Furrer noch. «Ob mit Ansagen, kleinen Geschichten oder Songs zum Mitsingen.» Und wenn ein Auftritt gelingt, werde nicht nur geklatscht und gesungen, sondern manchmal auch wild getanzt.

Kurze Nachfrage also bei der Band IKAN HYU, die im November ein Kinderkonzert spielte: Wie ist es, vor so einem Publikum aus Kindern zu spielen? Sie hätten vor dem Konzert erwartet, dass ihr ausverkauftes Kinderkonzert «wild und unvorhersehbar» werden würde, erzählen Hannah Bissegger und Anisa Djojoatmodjo. «Wir waren dann eher überrascht, dass wir die Kids etwas aus der Reserve locken mussten.» Darin seien die Kinder nicht anders als Erwachsene. Nur kämen die Kleinen wahrscheinlich mit weniger Erwartungshaltung an ein Konzert. «Sie sind direkter und ehrlicher.»

So gesehen ist das, was Nadja Furrer mit ihrer Kinderkonzertreihe in der Gessnerallee veranstaltet, eine Art musikalische Feuerprobe. Schafft es eine Band, das jüngste und gleichzeitig anspruchsvollste aller Zürcher Publika zu begeistern, steht ihr womöglich eine grosse Zukunft bevor. Wenn das mal nicht auch für Erwachsene interessant ist.

Zur Veranstalterin

Nadja Furrer veranstaltet die Kinderkonzertreihe im Stall6. Sie lädt Kinder und ihre alten und jungen Freund*innen ein, Musik ganz nah und direkt zu erleben. An vier Sonntagnachmittagen während der kühleren Jahreszeit bringen Schweizer Bands ihre aktuellen Songs auf die Bühne – keine klassischen Kinderlieder, kein Kasperlitheater, aber jede Menge zum Staunen, Mitsingen und Mitfühlen. Die Kinderkonzerte im Stall6 machen vielfältige Musikstile für ein junges Publikum greifbar – in entspannter, ungezwungener Atmosphäre.

Zum Autor

Timo Posselt (er/ihm), *1991, ist in St. Gallen aufgewachsen und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er schreibt für die «Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», die «Republik», die «Neue Zürcher Zeitung» und das Magazin der «NZZ am Sonntag». Er war Kulturredakteur im Schweizer Büro der «Zeit», Mitglied in der Jury des Schweizer Buchpreises 2024 und betreut die jährlichen Literatursonderausgaben der «Zeit».

Mehrmals kommen lohnt sich bei der Kinderkonzertreihe im Stall6:

So, 20.9.2026, 15 Uhr: «Gina Été»

So, 8.11.2026, 15 Uhr: «Batbait»

So, 24.1.2027, 15 Uhr: «Crimer»

So, 21.3.2027, 15 Uhr: «Nicky B Fly»

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