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Gespräch

10 Jahre Backslash – keine Headliner, kein DJ-Festival

Anfang Oktober feiert das Backslash Festival sein Jubiläum. Neue Gesichter sind dazugestossen und das Line-up ist visionär wie eh und je.

Lara Blatter, 14. September 2026

Mitten in der Halle, mitten im Licht: ein riesiger Blumenstrauss. Copyright: Backslash Festival Archiv

Alex Gaeng, Laura-Maria Drage und Cristiana Stella sitzen im Innenhof der Gessnerallee, vom Team des Backslash Festival fehlen Jonatan Niedrig und Emmanuel Küng. Die Schweisstropfen an diesem Tag zeugen von der Juni-Hitze. Die drei sind derzeit ganz entspannt. Bis zur Jubiläumsausgabe im Oktober vergehen noch einige Monate. Es bleibt genügend Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen.

«Das Blumenbouquet werde ich nie vergessen», so Stella. In der letzten Ausgabe im Jahr 2024 hat das Szenografie-Team einen riesigen Strauss in einer riesigen Vase mitten in die riesige Halle gestellt. Die Blumen seien beleuchtet gewesen, der Rest des Raums lag im Dunkeln. Noch mystischer habe das Wetter das Ganze gemacht. «Es hat geschneit, ich war draussen und wartete auf die Künstler*innen», erinnert sich Drage, die sich damals als Helferin um die Künstler*innen kümmerte.

Denkt Gaeng an die letzten 10 Jahre zurück, kommen viele Erinnerungen an Performances auf. Besonders in Erinnerung blieb das Stück «PINK MON€Y», das in einer Mischung aus Performance, Party und Protest endete. Lange sei dem Publikum im Stall6 nicht klar gewesen, dass sie längst Teil eines Stücks waren. Solche Irritationen inspirieren Gaeng immer wieder.

Alina Arshi in «Entepfuhl», inspiriert von Fernando Pessoas «The Book of Disquiet» und einer Reise durch Indien. Copyright: Backslash Festival Archiv

Disruption als treibende Kraft

Entstanden ist das Backslash aus dem Tokyo Data Collective. «Wir wollten etwas Neues ausprobieren», sagt Gaeng. Mit anderen Worten: eine transdisziplinäre Veranstaltung, wo alles zwischen Kunst und Club unter einem Dach seinen Platz findet.

Aus dem Ausprobieren ist ein jährlich wiederkehrendes Festival geworden. Das Backslash. Ein interdisziplinäres Festival an der Schwelle zu Clubkultur und Performancekunst. Während eines Wochenendes wird das Publikum dazu eingeladen, sich auf verschiedene Kunstdisziplinen aus Performance und Tanz, Musik und bildender Kunst einzulassen.

«Ich liebe es, wenn es Reibung gibt und das Publikum eingeladen wird, seine Komfortzone zu verlassen», sagt Gaeng. Und Reibung entsteht da, wo Genres gemixt werden, wo ekstatische Raves auf besinnliche Performancekunst treffen. «Das Backslash war schon immer der Versuch, etwas Disruptives zu machen.»

Und allein die Tatsache, dass das Backslash aktuell sein Zuhause in der Gessnerallee habe, breche gewisse Bilder auf. «Wir bringen Clubkultur in ein historisches Gebäude», sagt Stella. Da prallen die Freie Szene und viel elektronische Musik auf eine etablierte Kulturinstitution mit klaren Strukturen.

Xenia Koghilakis «KOPANIMA»: vier Körper im Echo eines Moshpits, zwischen Verletzlichkeit, Widerstand und Solidarität. Copyright: Backslash Festival Archiv

Neue Gesichter und eine Biennale

Stella ist seit diesem Jahr neu im Backslash-Team mit dabei. Die 33-Jährige ist selbst auch DJ und veranstaltet seit Jahren Partys und Kultur in Zürich. Als Teil des Kernteams ist sie aktiv an der Kuration des Programms beteiligt. Sie betont: «Wir sind kein DJ-Festival, es geht um Livemusik und Kunst.»

Neben ihr ist auch Drage zum Backslash gestossen. «Ich liebe es zu organisieren, einen Raum zu gestalten, den andere dann bespielen dürfen», sagt sie. Die 24-Jährige ist in der Kunstszene verwurzelt und organisierte schon verschiedene kulturelle Events und Festivals. Fürs Backslash verantwortet sie unter anderem die Kommunikation und kümmert sich ums Performanceprogramm.

Mit den beiden ist das Backslash deutlich jünger geworden. Was schon lange ein Anliegen von den drei mittlerweile Ü40ern – Gaeng, Niedrig und Küng – war. Im Fokus stand bisher die Organisation des Festivals, da blieb zu wenig Zeit für Reflexion und Neues. 2025 hat das Backslash dann eine Pause eingelegt, neue Leute angefragt und die letzten Jahre reflektiert. «Die Transformation betrifft vor allem uns intern, im Programm gibt es keinen grossen Richtungswechsel», versichert Gaeng.

Eine Entscheidung aus diesem Break betrifft aber durchaus das Publikum: Ab 2026 ist das Backslash eine Biennale. Das Festival findet alle 2 Jahre statt.

Verschiedene Gründe haben zu dieser Veränderung geführt. Das Festival sei über die Jahre gewachsen und die vielen ehrenamtlichen Stunden fühlten sich mit der Zeit selbstausbeuterisch an. Die Ermüdung in der Kulturlandschaft sei deutlich zu spüren, besonders nach der Covid-Pandemie. Sie wollen sich als Team stetig weiterentwickeln, faire Arbeitsbedingungen bieten, sich für neue Menschen öffnen und das Festival so zugänglich wie möglich gestalten – das alles brauche Zeit, die sie sich jetzt nehmen können.

«Hypnagogia Hyperspace» von Carla Peca, Sophie Luna, Rachelle Barras und Wassili Widmer: ein nächtlicher Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlaf. Copyright: Backslash Festival Archiv

Carte blanche für Ula Liagaitė

Die drei betonen, dass sie nicht nur fertige Performances einkaufen. «Wir haben im Programm immer beides: fertige Stücke und neue Kreationen», sagt Gaeng. Das Backslash-Team ist selbst in der Kunstszene verankert: «Wir kennen die Praxis der Künstler*innen und vertrauen ihnen. Darum geben wir ihnen auch viele Freiheiten und stehen stets im Austausch.»

So entstand auch das Residenzprogramm, das sie dieses Jahr das erste Mal durchführen. Eine Künstler*in bekommt eine Carte blanche und ist für zwei Wochen vor dem Festival in die Gessnerallee eingeladen, vor Ort ein Stück fürs Backslash zu entwickeln.

Diese Freikarte geht an Ula Liagaitė. Die Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin arbeitet und lebt zwischen Deutschland, Litauen und der Schweiz. Egal ob Soloprojekte oder im Kollektiv, Liagaitės Arbeiten sind stets körperlich und politisch. Fürs Backslash plant sie, ihr laufendes Forschungsprojekt «Stretching Exercises to Feel Climate Change» weiterzuentwickeln. Zusammen mit 4 weiteren Künstler*innen geht sie einem Unbehagen auf die Spur. Das diffuse Gefühl des Unwohlseins, das die Klimaerhitzung hervorruft. Mithilfe von Text, Klang und Bewegung untersucht sie, was es bedeutet, mit dem Klimakollaps als einer unumkehrbaren Realität zu leben. «Wir stellen die Frage, wer dieses Leben gestalten darf, wenn Macht und Ressourcen zunehmend in den Händen derer konzentriert sind, die das globale Kapital kontrollieren», sagt Liagaitė.

Natasza Gerlachs «What goes unfelt»: zwischen Nähe und Fremdheit, Empfindung und Betäubung. Copyright: Backslash Festival Archiv

Keine Headliner – das Line-up ist alphabetisch

Auf die Performance von Ula Liagaitė sind Gaeng, Drage und Stella gespannt. Sie tun sich aber schwer, Highlights hervorzuheben. «Ich bin gegen Highlights, unser Line-up ist bewusst alphabetisch gehalten – alle sollen gleich viel Raum bekommen», sagt Gaeng. Stella fügt hinzu: «Headliner haben wir keine, musikalisch sind für mich alle Highlights.»

Dennoch fallen im Laufe des Gesprächs immer wieder Namen. Gaeng ist gespannt auf die Zusammenarbeit der beiden Performer Bast Hippocrate (Schweiz) und William Cardoso (Luxemburg/Portugal). Die beiden lernten sich im Rahmen eines anderen Projekts kennen und verspürten die Dringlichkeit, die zwischen ihnen entstandene menschliche und künstlerische Verbindung zu erforschen – dies tun sie nun am Backslash.

Und im Chill-out in der Halle sorgt eine Installation aus Subwoofern von Stefanie Edegy, die in Berlin arbeitet und lebt, für ein körperliches Erlebnis. «Das wird am ganzen Körper spürbar und vielleicht sogar etwas meditativ», so Drage. Während sich dann in der Halle ein körpertherapeutischer Ansatz in die Clubnacht einnistet, sorgen auf dem Dancefloor Livesets von lokalen und internationalen Musiker*innen und DJs für wummernde Bässe. Da wäre beispielsweise Buttechno, der in Russland geborene und in Berlin wirkende Künstler Pavel Milyakov. In seinen Liveauftritten treffen treibende und rohe Bässe auf Lo-Fi-Beats. Mal Gabber, mal Trance, mal Vogelgezwitscher – und bestimmt eine ordentliche Portion Haze.

Der Blick ins Line-up zeigt, dass sie auch in der diesjährigen Jubiläumsausgabe wieder bestrebt sind, nicht nur internationale Künstler*innen nach Zürich zu holen, sondern auch die Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz zu überwinden. Künstler*innen aus der Romandie werden im Herbst den Weg in die Gessnerallee finden.

Die Vorfreude der drei wächst. Sie sind «hyped» auf die neueste Ausgabe ihres Festivals. Die Pause war wichtig und alle kommenden ebenso. Stella: «Man soll uns auch vermissen und sich nicht darauf verlassen, dass das Backslash einfach so da ist.»

Rhyw im Sog von ultramodernem Techno, Broken Beats und Sounds, die den Dancefloor in andere Welten verschieben. Copyright: Backslash Festival Archiv

Zur Veranstaltung

Das Backslash Festival lädt zu einer sorgfältig kuratierten Auswahl an elektronischen Live-Acts, Performances, DJ-Sets und visuellen Interventionen ein. Über zwei lange Abende hinweg übernehmen 25 Künstler*innen aus der internationalen, nationalen und lokalen Szene die Räume der Gessnerallee und bespielen sie auf unterschiedliche Weise. Dabei entsteht ein mitreissender Sog, der einlädt, bis zum Morgengrauen zu bleiben.

Zur Autorin

Lara Blatter (sie/ihr), *1995, studierte Kommunikation und Journalismus an der ZHAW und arbeitet aktuell als freischaffende Journalistin und im Musikbüro der Roten Fabrik. Für das Stadtmagazin «Tsüri.ch» beobachtete sie fünf Jahre lang das Geschehen in Zürich und schrieb über Politik, Feminismus und Kultur. Die letzten beiden Jahre davon war sie nebst ihrer Tätigkeit als Redaktorin auch in der Geschäftsleitung.

Backlash Festival 2026

Fr, 2.10., 20–1 Uhr

Sa, 3.10., 20–6 Uhr

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