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Reportage

Gegen die Barrieren

Der Verein ZAK – Zürich Access Kultur – berät Kulturinstitutionen dabei, ihre Veranstaltungen für so viele wie möglich zugänglich zu machen. Ein Einblick.

Raffaela Angstmann, 5. Oktober 2026

Die ZAK-Geschäftsleitung Nina Mühlemann, Brianna Deeprose und Pauline Della Bianca (v.l.). Copyright: Andrea Ebener

An einem Donnerstagabend vor dem Helmhaus, direkt an der Limmat und nahe dem Niederdorf in Zürich: Tourist*innen schiessen Gruppenselfies auf der Münsterbrücke. Paare gehen Hand in Hand über den Vorplatz. Die Tür zum Helmhaus, einem Museum für zeitgenössische Kunst aus der Schweiz, steht offen.

Jede*r kann eintreten. Das ist kein Versehen. Jasmin Polsini hat dem Helmhaus geraten, die Tür offen zu lassen, damit Rollstuhlfahrer*innen wie sie selbständig Zugang haben. «Es bräuchte eine automatische Tür, aber dieses Problem kann nicht so schnell korrigiert werden», sagt Polsini.

Polsini hat das Team vom Helmhaus für eine Veranstaltung zum Thema Barrierefreiheit beraten. In ihrem elektrischen Rollstuhl ist sie durch das Kunstmuseum gefahren. Sie hat darauf hingewiesen, dass der Lift zu klein sei, um ihn allein zu verlassen, und hat zu einem Spiegel geraten, damit man rückwärtsfahren kann. Im Korridor standen Polsini zudem Gegenstände im Weg. Auch die Kaffee-Ecke beim Lift störte sie beim Manövrieren.

Noch zu etablieren

Polsini zählt zum Beratungspool von Zürich Access Kultur (ZAK). Der neue Verein bietet kostenfreie Beratungsgespräche zu Barrierefreiheit und Inklusion für Kulturinstitutionen in Zürich an und organisiert Workshops. Montags kann man anrufen oder direkt für eine Sprechstunde vorbeigehen, der Verein ist im Kreis 5 im Regenbogenhaus einquartiert.

ZAK wurde im Sommer 2025 ins Leben gerufen, als die Stadt Zürich per Ausschreibung auf der Suche nach einem entsprechenden Angebot war. Die Gründer*innen Nina Mühlemann, Brianna Deeprose und Pauline Della Bianca bilden zugleich die Geschäftsleitung.

Sie arbeiten mit 17 Expert*innen zusammen. «Wir drei sind Nerds auf dem Gebiet Barrierefreiheit», sagt Nina Mühlemann über sich und ihre Co-Geschäftsleiter*innen. Sie hätten schon immer gerne nach Lösungen gesucht, um möglichst viele Menschen abholen zu können.

Zuletzt hat ZAK einen Zürcher Club beraten, der im Rahmen des feministischen Streiks einen Anlass für neurodivergente Personen zugänglich machen wollte. Deeprose und Mühlemann rieten dem Club, wegen möglicher Reizüberflutung einen ruhigen Raum einzurichten, in dem man sich wieder selbst regulieren kann. Das Personal soll gebrieft werden, um zum Beispiel im Falle autistischer meltdowns Unterstützung zu bieten.

Viele Beratungen von ZAK sind über bereits vorhandene Kontakte der Gründer*innen entstanden. Da Nina Mühlemann in der Tanz- und Theaterszene arbeitet, fällt ihnen der Zugang dort leichter. Nun möchten sie mit ihrem Angebot vermehrt Museen erreichen.

In der bildenden Kunst sei Inklusion bisher noch nicht so ein grosses Thema, erklärt Mühlemann. Das will der Verein ändern. Seit der Eröffnung Anfang 2026 hat ZAK 20 Institutionen beraten, manche per Telefon, mit anderen wurden Beratungsrundgänge durchgeführt. «Wir müssen uns zunächst etablieren», sagt Nina Mühlemann im Vorgespräch. Das Angebot ist noch nicht sehr bekannt. Die Website ist im Aufbau.

«Jede Person soll selbstbestimmt entscheiden können, wo sie hingeht.»

Jasmin Polsini, Co-Geschäftsleitung ZAK

Nebst Geschäftsleitung und Beratungspool gibt es einen vierköpfigen Vorstand. Zu ihnen zählt Inklusionsexpertin Saphir Ben Dakon. Der Vorstand befasse sich zurzeit mit der Frage, wie der Auftrag gemäss Subventionsvereinbarung mit der Stadt Zürich am besten umgesetzt wird und wie die ergänzenden, niederschwelligen Angebote ausgestaltet werden sollen, sagt Ben Dakon. Es gebe schliesslich bereits Angebote auf dem Markt – und diese wolle man mit dem eigenen, subventionierten Angebot ergänzen und nicht verdrängen.

Umfassende Beratung

Im Helmhaus findet zum ersten Mal ein mit ZAK coorganisierter Event statt: Mühlemann und Deeprose unterstützen Jana Vanecek und Chantal Romani von «Kunst braucht Kohle» bei der Durchführung ihrer Veranstaltung «Runder Tisch». In Zusammenarbeit mit ZAK findet die Diskussionsreihe erstmals hybrid statt. Die beiden Gründer*innen von «Kunst braucht Kohle» waren für ein Beratungsgespräch bei ZAK.

Obwohl Vanecek für den Verein Sensability selbst zu Barrierefreiheit berät – mit Fokus auf Neurodivergenzen und psychischen Behinderungen –, wollten die beiden zusätzliches Wissen einholen. «Wir wussten, dass beispielsweise der Lift im Helmhaus ein Problem darstellt. Aber niemand von uns besitzt das Erfahrungswissen von Personen, die einen Rollstuhl nutzen, darum war es wichtig, dass eine ZAK-Expert*in uns sowohl zum Event, aber auch zum Abbau von physischen Barrieren im Museum berät», sagt Vanecek.

Daraufhin ist Jasmin Polsini beim Helmhaus vorbeigegangen. Zweieinhalb Stunden dauerte die Beratungstour durch das Haus. Polsini wies nicht nur auf Barrieren hin, die sie selbst betreffen, sondern auch auf offensichtliche Barrieren für andere Behinderungsformen.

Es beginnt schon mit der Anreise. Die erste Hürde ist schnell identifiziert: Die Tramhaltestelle Helmhaus ist nicht barrierefrei. Auf dem Vorplatz des Kunstmuseums fehlt laut Polsini die Leitlinie für Blinde und sehbehinderte Personen. Die Rampe sei zu steil, zudem müsse man sie erst suchen, sagt Polsini. Des Weiteren riet sie dem Helmhaus, das Stockwerk im Lift über Lautsprecher anzukündigen.

«Menschen mit Behinderungen müssen wissen, wie sie an einen Ort gelangen und was sie dort erwartet.»

Brianna Deeprose, Co-Geschäftsleitung ZAK

Polsini freut sich über die grosse Bereitschaft des Helmhauses und hat mit dem Team langfristige Ziele in Sachen Barrierefreiheit vereinbart. Als Zwischenlösung zu einer automatischen Tür könne man auch eine Klingel installieren, damit geh-, hör- und sehbehinderte Menschen jemanden rufen könnten, der ihnen öffnet.

Jasmin Polsini schätzt die Zusammenarbeit mit ZAK. «Jede Person soll selbstbestimmt entscheiden können, wo sie hingeht», sagt sie. Welche Barrieren kommen uns nicht sofort in den Sinn? Es gibt viele Hindernisse, die im Verborgenen bleiben. Bei Menschen mit dem Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) könnten Gerüche einen anaphylaktischen Schock verursachen, erklärt ZAK-Expertin Jasmin Polsini. Das sei etwas, das man bei Ausstellungen berücksichtigen solle. «Jede Person soll selbstbestimmt entscheiden können, wo sie hingeht.»

Die beiden ZAK-Gründer*innen verweisen auf die Bedürfnisse von Personen mit Neurodivergenz (beispielsweise Autismus, ADHS) oder chronischen Krankheiten (wie z. B. Epilepsie). «Häufig unterschätzt wird auch die Kommunikation als Barriere.

Fehlende Informationen sind ein Problem. Menschen mit Behinderungen müssen wissen, wie sie an einen Ort gelangen und was sie dort erwartet», erklärt Deeprose. Veranstalter*innen sollen für immungeschwächte Personen Masken und für neurodivergente Personen Ohrstöpsel und Noise-Cancelling-Kopfhörer zur Verfügung stellen.

Zürich Access Kultur (ZAK) bietet kostenfreie Beratungsgespräche zu Barrierefreiheit und Inklusion für Kulturinstitutionen in Zürich an. Copyright: Andrea Ebener

Ein Event für alle?

Mühlemann und Deeprose treffen sich eine Stunde vor Beginn des «Runden Tischs» im Ausstellungsraum, der für den hybriden Austausch ausgesucht wurde. Dort stehen Klappstühle mit Kissen, Sitzwürfel und Sitzsäcke. Deeprose erklärt, dass die Sitzgelegenheiten nicht zu hart sein sollten.

Zusammen mit den Co-Organisator*innen besprechen die ZAK-Geschäftsführer*innen die letzten Details, etwa, wo sich die Rollstuhlfahrer*innen platzieren möchten. Es wird besprochen, dass ihre Plätze nicht nur am Rand sein sollen. Persönliche Präferenzen sind entscheidend – und diese sind teils sehr unterschiedlich. «Ich bin lieber am Rand, sonst fühle ich mich eingeengt. Die Beine und Rucksäcke wären sonst im Weg. Da fühle ich mich gestresst, ich muss rauskönnen», sagt Mühlemann. Jasmin Polsini will gut auf die Übertragung des Zoom-Chats sehen können und fährt dafür ihren Rollstuhl in die Mitte der hintersten Reihe.

«Absolute Barrierefreiheit ist schwierig herzustellen. Darum ist wichtig, dass man klar kommuniziert, was es hat und was nicht.»

Nina Mühlemann, Co-Geschäftsleitung ZAK

Heute betreut Mühlemann den Videochat mit ungefähr 20 Teilnehmer*innen und kündigt an, wenn online jemand zu Wort kommen möchte. Vor Ort ist eine kleine Runde, viele kennen sich. Gerade ein inklusiver Event wie dieser muss auch online angeboten werden, weil es nicht für alle möglich ist, physisch teilzunehmen.

Deeprose berät Institutionen häufig auch dabei, ihre Websites inklusiver zu gestalten. Ein Beispiel wären Audio-Beschreibungen für sehbehinderte Menschen. Vor Beginn des Events lässt sie die Co-Organisator*innen das Fenster zum Übertragungsvideo der Gebärdensprachdolmetscher*in im Zoom fixieren, damit es für alle Teilnehmer*innen immer sichtbar bleibt. Nina Mühlemann schaut sich das Poster mit den Regeln für den «Runden Tisch» an. Mühlemann hatte dieses im Vorfeld geprüft.

Der Faktor Zeit

Der Event startet. Die Grundregeln werden vorgelesen. Die Sprecher*innen beschreiben sich und ihre Kleidung für die Personen, die sie nicht sehen können. Jede einzelne Wortmeldung wird mit dem Smartphone aus der Nähe gefilmt und live übertragen. Plötzlich gibt es ein technisches Problem. Das Video mit der Gebärdensprache hat gestoppt. Bianna Deeprose eilt zum Laptop, um sich den Vorfall anzusehen. Die Ursache für den Unterbruch: ein automatisches Update. Zeitweise muss die Gebärdensprache mit dem Smartphone gefilmt werden. Auch das ist wichtig für einen inklusiven Event: anpassungsfähig bleiben.

Und Pausen sind wichtig. Laut Mühlemann sind viele Veranstalter*innen noch nicht für das Thema «Zeit» sensibilisiert. Es müssten genügend Pausen eingeplant und Beginn und Dauer klar kommuniziert und eingehalten werden. Nicht alle mögen über denselben Zeitraum nonstop zuhören und zuschauen, zudem bräuchten manche Personen länger, um die Toilette zu nutzen.

Aber kann man es allen recht machen? Nein. Das bestätigt Nina Mühlemann: «Die unterschiedlichen Bedürfnisse kommen sich manchmal in die Quere. Absolute Barrierefreiheit ist schwierig herzustellen. Darum ist wichtig, dass man klar kommuniziert, was es hat und was nicht.»

Zürich Access Kultur (ZAK) betreibt für Kulturinstitutionen in der Stadt Zürich eine niederschwellige Anlauf- und Beratungsstelle sowie ein fachliches Netzwerk zum Thema Inklusion im Kulturbereich. Zu den Aufgaben gehören neben einem breiten Beratungsangebot die Wissenssammlung und -aufbereitung, das Betreiben einer Website sowie die Vermittlung und Weiterbildung durch Workshops und Fachinputs. In Ergänzung zur Geschäftsstelle wird ein Expert*innenpool grösstenteils bestehend aus Selbstvertretenden zusammengestellt, der für spezifische Beratungen zur Verfügung steht.

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