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Editorial

Gewissheiten ins Wanken bringen

Kinderkonzerte und Clubkultur, Barrieren und Flamenco, Theater und Realpolitik: Die neunte Ausgabe unserer Zeitung versammelt Geschichten über Menschen, die Gewissheiten hinterfragen und Räume öffnen.

Rahel Bains, Kathrin Veser und Miriam Walther, 10. September 2026

Liebe*r Leser*in

Was haben ein Theater und Realpolitik gemeinsam? In beiden werden gesellschaftliche Fragen verhandelt, Rollen verteilt, Mehrheiten gesucht und Wirklichkeiten gestaltet. Doch während am Ende des politischen Prozesses ein Ja oder ein Nein steht, interessiert sich das Theater für den Raum davor: für das Unentschiedene, für Widersprüche und die Möglichkeit, Gewissheiten ins Wanken zu bringen. Über diese Verbindung, diese Unterscheidung von Politik und Theater schreibt die Zürcher Kantonsrätin Mandy Abou Shoak.

Gerade wenn politische Spielräume enger werden, interessieren uns Orte, an denen andere Formen des Denkens erprobt, Selbstverständlichkeiten befragt und Regeln für den Moment ausser Kraft gesetzt werden können. Damit beschäftigen wir uns in dieser Ausgabe: mit Zugang und Begegnung, Kindern und Clubkultur, der Freiheit, eine Geschichte nicht zu Ende erzählen zu müssen.

Seit 2014 bringt Kulturmanagerin Nadja Furrer Bands, die sonst für Erwachsene spielen, für Kinderkonzerte in den Stall6 der Gessnerallee – von Indiepop über Hip-Hop bis Latin. Journalist Timo Posselt sprach mit ihr über die Magie zwischen Bands und Kindern als erstaunlich direktem Publikum. Denn Kinder, sagt Furrer, sind anspruchsvoll: Gefällt es ihnen nicht, stehen sie auf und gehen. Springt der Funke über, wird geklatscht, gesungen und wild getanzt.

Anfang Oktober feiert das Backslash Festival sein 10-Jahr-Jubiläum. Journalistin Lara Blatter zieht mit Alex Gaeng, Laura-Maria Drage und Cristiana Stella Bilanz. Sie sprechen über ein Festival zwischen Clubkultur und Performancekunst, das sein Publikum einlädt, die Komfortzone zu verlassen.

Wie wird Kultur für möglichst viele Menschen zugänglich? Journalistin Raffaela Angstmann hat den Verein Zürich Access Kultur (ZAK) begleitet, der Kulturinstitutionen zu Barrierefreiheit und Inklusion berät. Sie trifft Nina Mühlemann und Brianna Deeprose, zwei der drei Co-Geschäftsleiter*innen, sowie Beraterin Jasmin Polsini bei ihrer Arbeit im Helmhaus. Dabei wird klar: Barrieren sind oft unsichtbar, Bedürfnisse unterschiedlich, und absolute Barrierefreiheit ist kaum möglich.

Was von der Opernfigur Carmen bleibt, wenn ihre Geschichte erzählt ist: Dramaturgin Isabel Gatzke tauscht sich mit Performancekünstlerin Wu Tsang über «strike» aus, die jüngste Arbeit des Kollektivs Moved by the Motion. Über Carmen als moderne mythische Figur und Projektionsfläche, die Rückkehr zu Intimität und den Widerspruch zwischen Repräsentation und Involviertheit. Und über die Kraft des Flamenco: Wenn er beginnt, so Tsang, halten alle inne.

Nicht zuletzt bereichern die wiederkehrenden Formate diese Ausgabe: Tren Guerrero hat den Choreografen und Tänzer Tiran Willemse für den Fotoessay fotografiert. Künstler*in und Musiker*in Rada Leu zeichnet einen Comic zu den Proben von «Multitud» der Choreografin Tamara Cubas. In der Modekolumne präsentiert Multimedia-Künstler*in Lyn Bentschik bequeme und praktische Fashion, die nicht einengt, einschnürt oder drückt. Und Autor, Komiker und Filmproduzent Karpi wagt im Theater-Horoskop den Blick in die Sterne.

Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre.

Rahel Bains, Kathrin Veser, Miriam Walther

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