Wenn mich Menschen fragen, was ich beruflich tue, sage ich manchmal: «Ich arbeite im grössten und teuersten Theater des Kantons Zürich.» Ich bin Kantonsrätin. Gemeinsam mit 179 anderen gewählten Personen berate ich Gesetze, verteidige Errungenschaften und kämpfe für Veränderungen.
Wie im Theater geschieht auch in der Politik vieles, bevor sich der Vorhang hebt. Am Anfang steht ein Stoff: ein gesellschaftliches Problem, das auf die politische Bühne soll. Manche Politiker*innen übernehmen dabei die Rolle der Dramaturgie. Sie recherchieren, ordnen das Material und übersetzen es in einen Gesetzestext. Andere agieren wie eine Produktionsleitung. Sie wissen, welche Menschen, Fachstellen und Verbände einbezogen werden müssen, damit ein Vorhaben tragfähig wird.
«Anders als in einer klassischen Inszenierung gibt es in der Demokratie keine einzelne Regie, die allein über den Ausgang entscheidet.»
In den Kommissionen beginnt die Probenarbeit. Formulierungen werden geprüft, Anträge gestellt und neue Lösungen erprobt. Danach gilt es, über die politischen Lager hinweg Mehrheiten zu finden. Anders als in einer klassischen Inszenierung gibt es in der Demokratie keine einzelne Regie, die allein über den Ausgang entscheidet. Und: Am Ende steht nicht der Applaus. Am Ende entscheiden Parlament oder Stimmbürger*innen mit einem Ja oder Nein über Gesetze und Budgets, die die Lebensverhältnisse von Menschen bestimmen.
Das Theater kann einen Schritt davor ansetzen: bei dem, was noch nicht genau benannt werden kann, was noch diffus erscheint. Es kann darüber hinaus zeigen, was hinter politischen Positionen liegt, und es kann öffentlich verhandeln, worüber in der Politik und in Institutionen sonst nur hinter verschlossenen Türen gesprochen wird.
Die Frage für mich ist deshalb nicht nur, ob Theater politisch ist oder wie politisch es sein soll oder kann. Was mich interessiert, ist, ob es dem Theater gelingt, Regeln nicht nur abzubilden, sondern auch die eigenen Gewissheiten und jene des Publikums ins Wanken zu bringen und diesem etwas zuzumuten. Dabei soll eine machtsensible Praxis die unterschiedlichen Voraussetzungen sichtbar machen, unter denen gesellschaftliche Debatten ausgetragen werden.
Menschen, deren Leben verhandelt wird, dürfen nicht nur als Stoff oder authentische Stimme erscheinen. Wenn ihre Erfahrungen zum Gegenstand werden, müssen sie Einfluss darauf haben können, welche Fragen gestellt und in welcher Form ihre Erfahrungen erzählt werden.
«Die eingeübten politischen Verfahren reichen allein nicht aus, um auf die grossen Krisen unserer Gegenwart Antworten zu finden.»
Auch das Theater selbst steht nicht ausserhalb dieser Machtverhältnisse. Es entscheidet, wer Teil des Programms wird, wer Ressourcen erhält und wessen Erfahrung als relevant gilt.
Gerade in einer Zeit enger werdender politischer Spielräume brauchen wir Bühnen, auf denen neue Formen des Denkens erprobt werden. Denn die eingeübten politischen Verfahren reichen allein nicht aus, um auf die grossen Krisen unserer Gegenwart Antworten zu finden. Theater kann dazu einen Beitrag leisten: indem es für einen Abend jene Regeln ausser Kraft setzt, die immer wieder als alternativlos erscheinen.
Zur Autorin
Mandy Abou Shoak (sie/ihr), *1989 geboren in Khartum, ist Sozialarbeiterin und Zürcher Kantonsrätin. Sie arbeitet als Bildungsverantwortliche bei Brava in der Gewaltprävention und ist Präsidentin der Fach stelle Menschenhandel und Frauenmigration (FIZ). In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Gleichstellung, Gewalt, Migration und der Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt gestaltet werden können.