Hadija Haruna-Oelker liest aus «Zusammensein»
Die Lesung von Hadija Haruna-Oelkers Buch «Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit» führt die übergreifenden Gedanken des Programmschwerpunkts erneut zusammen. In ihrem Text geht die Politikwissenschaftlerin und Journalistin aus ihrer eigenen Position als Schwarze Mutter eines behinderten Kindes der Frage nach, welche solidarischen Praktiken wir brauchen, damit in unserer Gesellschaft alle Menschen selbstbestimmt miteinander leben können.
Als Verbündete ihres behinderten Sohnes zeigt Hadija Haruna-Oelker, wie wir von Kindern lernen, sie stärken und begleiten können, wenn sich die Gesellschaft nicht zu einem Besseren verändert. Dabei hinterfragt sie Denk- und Sprachmuster aus Schwarzer, intersektionaler Perspektive. Die Lesung stellt mitfühlend Fragen zu sozialer Gerechtigkeit: Wie sähe ein Miteinander aus, bei dem niemand ausgeschlossen wird? Wer bestimmt über Teilhabe? Und warum wird die Ablehnung behinderter Menschen nicht überwunden?
Hoffnung gemeinsam erproben
Diese Fragen sieht die Gessnerallee nicht nur als wichtigen Diskurs, sondern nimmt sie auch zum konkreten Anlass, Hoffnung ganz praktisch gemeinsam zu erproben: Der gesamte Programmschwerpunkt ist ein Covid-Safer-Event. In ihrem «Teen Vogue»-Artikel «COVID Isn’t Going Anywhere. Masking Up Could Save My Life» (deutsche Übersetzung: Covid verschwindet nicht einfach so. Maske-Tragen könnte mein Leben retten) benannte die Autorin und Aktivistin Alice Wong im Januar 2024 das Tragen der Maske als solidarische Praxis des Zusammenlebens. Keine zwei Jahre später starb sie an einer Infektion.
Wong schrieb an gegen die Individualisierung, oft getarnt als vermeintliche Eigenverantwortlichkeit, gegen die Rückkehr zu einer diskriminierenden Normalität und die gesellschaftliche Abwertung behinderten und chronisch kranken Lebens. In diesem Sinne gilt für alle Veranstaltungen im Rahmen von «Communities of Hope» eine Test- und Maskenpflicht, um möglichst vielen Personen mit möglichst geringem Infektionsrisiko den Besuch an der Gessnerallee zu ermöglichen. Barrierefreiheit wird hier zu einer geteilten Praxis, die alle braucht. Für Tests und Masken ist vor Ort gesorgt.
Ein Programmschwerpunkt ist nicht nur eine Gelegenheit, um Ästhetiken und Perspektiven an der Gessnerallee zu versammeln, sondern auch, um an Projekte anzuknüpfen: Bereits im Rahmen des Schwerpunkts «(Un)gentle Learning» zum Saisonstart 2025/26 gestalteten Theres Indermaur und Stephanie Müller mit ihrer interaktiven, sinnlichen Rauminstallation «Stars Are Never Sleeping, Dead Ones and the Living» erstmals einen künstlerischen Rückzugsraum im Nordflügel.
Während «Communities of Hope» werden die beiden Zürcher Szenografinnen erneut einen Raum der Gessnerallee verwandeln – diesmal wird die Südbühne vor, während und nach den Veranstaltungen als «Belonging Space» zum Ausruhen und Entdecken einladen.
Wie Räume gedacht und gestaltet werden, ist ein fester Bestandteil kuratorischer Arbeit. In ihrem Manifest «Health Rebels: A Crip Manifesto for Social Justice» für soziale Gerechtigkeit aus behinderter Perspektive fragt die Wissenschaftlerin und Aktivistin Alison Kafer: «Wie bestimmen die Zukunftsvisionen, die wir uns vorstellen oder erhoffen, die Beziehungen, die wir aufbauen, oder die Praktiken, die wir heute in der Gegenwart umsetzen?»(5)
Hoffnung verknüpft die Zukunft mit der Gegenwart – nicht nur als Gefühl, sondern als geteilte Praxis. «Communities of Hope» versteht Theater als Ort der Gemeinschaft und des Ausprobierens von hoffnungsvollen Strategien in Zeiten oft erdrückender Hoffnungslosigkeit. Denn Hoffnung als Praxis braucht Kreativität, wie sie auch von den Künstler*innen in ihren Performances, ihren Texten, ihrer Musik und gemeinsam mit dem Publikum erprobt wird.