Erklärstück
Hoffnung als verbindende Praxis
Vom 9. bis 18. April lädt der Programmschwerpunkt «Communities of Hope» an der Gessnerallee dazu ein, solidarische Praktiken des Zusammenlebens und hoffnungsvolle Strategien gemeinsam zu erproben.

Bittersüsses Abschiedsritual: Die interaktive Konzertperformance «MASTEKTOMIE». Copyright: Lena Ures
Wer heute Nachrichten konsumiert, dem fällt es schwer, hoffnungsvoll zu bleiben. Auf internationaler Ebene: Kriege und erstarkender Faschismus. In der Schweiz: zunehmend Angriffe auf die Rechte marginalisierter Menschen, darunter auch immer wieder queere Communities.(1)
Unsere Gegenwart ist laut. Und sie ist schnell. Was das Theater dem entgegensetzen kann, ist eine Form der Langsamkeit und der Zwischentöne: die Langsamkeit eines Probenprozesses, die Zwischentöne einer Erzählung auf der Bühne vor Publikum, die Entschleunigung und Vielstimmigkeit beim Zusammensitzen und Ins-Gespräch-Kommen nach einer Performance oder einer Lesung.
Im Rahmen des zweiwöchigen Programmschwerpunkts «Communities of Hope» möchten wir Räume schaffen, die genau diese Eigenschaften des Theaters betonen, indem sie hoffnungsvolle Strategien der Gemeinschaftsbildung kultivieren und queere Ästhetiken feiern.
Eröffnung durch die Berliner Gruppe CHICKS*
Eröffnet wird die erste Woche von «Communities of Hope» mit einer Inszenierung, die den lebenswichtigen Austausch innerhalb von Communitys und über Communitys hinweg in den Mittelpunkt stellt. Die Konzertperformance «MASTEKTOMIE. Ein bittersüsses Abschiedslied»(2) der Berliner Gruppe CHICKS* widmet sich dem Abschied von den eigenen Brüsten – sei es aufgrund eines genetischen Brustkrebsrisikos oder einer geschlechtlichen Transition.
Mit CHICKS*-Performer*in Marietheres Mio Jesse steht deren «Mastektomie-Buddy» Lovis Heuss, transdisziplinäre*r Künstler*in aus Zürich, auf der Bühne. Gemeinsam entwickeln sie ein so bittersüsses wie hoffnungsvolles Abschiedsritual – und einen Abend über die gesellschaftliche, kulturelle und politische Auseinandersetzung mit Gesundheit, Gender, Brustkrebs und Trauerkultur.
Dabei begegnen sich unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen mit Mastektomien, verbunden durch die gemeinsame Frage, wie gegenseitige Fürsorge gestaltet werden kann. Und auch Barrierefreiheit wird hier zu einer geteilten künstlerischen Erfahrung:
Als Relaxed Performance mit integrierter Audiodeskription wird diese ganz konkret und für alle Besucher*innen erlebbar praktiziert und prägt die Ästhetik des Abends.
«MASTEKTOMIE. Ein bitter süsses Abschiedslied»
CHICKS* freies performancekollektiv
Do, 09.04., 20 Uhr
Fr, 10.04., 20 Uhr

Lesung von Mani Owzar
Ein Text, der die inhaltliche Vorbereitung des Programmschwerpunkts begleitet hat und ausschlaggebende Inspiration für seine Ausrichtung war, ist Mani Owzars Buch «Ich möchte nicht die perfekte Geschichte schreiben. Queere Menschen für eine gerechtere Schweiz».
Das Buch entstand im Kontext der rechtsextremen Angriffe auf die Veranstaltungsreihe «Drag Story Time» durch die Gruppierung «Junge Tat» in Zürich im Oktober 2022 und ist für Owzar ein Beitrag, um das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden und neuen Mut zu schöpfen. Deren(3) Sammlung von Porträts von queeren, rassifizierten Aktivist*innen aus der Schweiz eröffnet hoffnungsvolle Perspektiven ohne Perfektionsanspruch. Fast alle porträtierten Personen sind im Theater- und Kulturbetrieb tätig, mehrere von ihnen (wie Brandy Butler, Edwin Ramirez oder Anouchka Gwen) verbindet eine Zusammenarbeit mit der Gessnerallee.
Schreibworkshop mit Mani Owzar
Wer ausserdem nicht nur zuhören, sondern auch selbst die eigene, nicht perfekte Geschichte schreiben möchte, kann gleich am nächsten Tag Mani Owzars Schreibworkshop besuchen. Neu schreiben, wieder schreiben, anders schreiben – alle Erfahrungen sind willkommen. Auch wer bisher nur mit dem Gedanken gespielt hat, etwas zu Papier zu bringen, kann hier Schreibimpulse finden und freiwillig erste Texte teilen, um von den anderen Teilnehmer*innen wohlwollendes Feedback zu bekommen.
«Ich möchte nicht die perfekte Geschichte schreiben»
Mani Owzar
Sa, 11.04, 19.30 Uhr
So, 12.04., 14 Uhr

Solo-Set von Anouchka Gwen
Abgerundet wird die Lesung «Ich möchte nicht die perfekte Geschichte schreiben» mit einem Konzert von Anouchka Gwen. Nach einer Bühnenpause kehrt Gwen zu deren Anfängen zurück und wird mit einem neuen Solo-Set deren tiefste Gedanken auf verletzliche Weise nur mit deren Stimme und deren Bass zum Ausdruck bringen. Als Künstler*in mit kongolesischen Wurzeln ist dey von repetitiven, gefühlvollen und rhythmischen Melodien beeinflusst und inspiriert. Diese verbindet dey mit deren Liebe zu elektronischen, psychedelischen, weitläufigen Pop-Soundscapes. Das Solokonzert im Rahmen von «Communities of Hope» ist ein Anlass, um Gwen auf dieser neuen künstlerischen Reise zu begleiten.
Sa, 11.04., 22 Uhr

Performance von River Roux
In der zweiten Woche von «Communities of Hope» stehen ebenfalls eine Performance und eine Lesung auf dem Programm: In der Soloperformance «JUICE» ist River Roux auf engstem Raum zu sehen, in einem komplett durchsichtigen Bühnenelement, das kaum grösser ist als das darin hängende Trapez – ohne die Möglichkeit, sich vor den Blicken des Publikums zu verstecken.
70 Minuten lang bewegt sich River Roux körperlich wie erzählerisch an der Schwelle von andersgeschlechtlicher Ausstellung und intergeschlechtlicher Selbstermächtigung, während wir als Publikum auf die eigene Lust des Kategorisierens hermaphroditischer,(4) unlesbarer und ungehorsamer Körper zurückgeworfen werden. Dabei sind gesellschaftliche Ausschlüsse wie auch fast unmerkliche Community-Momente – wie das ungeschriebene, nur von Person zu Person weitergegebene Wissen, welche Ärzt*innen man aufsuchen und was man sagen muss, um eine bestimmte Gesundheitsversorgung zu erhalten – gleichermassen wesentliche Bestandteile der Erzählung.
«JUICE»
River Roux
Fr, 17.04., 20 Uhr
Sa, 18.04., 20 Uhr

Hadija Haruna-Oelker liest aus «Zusammensein»
Die Lesung von Hadija Haruna-Oelkers Buch «Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit» führt die übergreifenden Gedanken des Programmschwerpunkts erneut zusammen. In ihrem Text geht die Politikwissenschaftlerin und Journalistin aus ihrer eigenen Position als Schwarze Mutter eines behinderten Kindes der Frage nach, welche solidarischen Praktiken wir brauchen, damit in unserer Gesellschaft alle Menschen selbstbestimmt miteinander leben können.
Als Verbündete ihres behinderten Sohnes zeigt Hadija Haruna-Oelker, wie wir von Kindern lernen, sie stärken und begleiten können, wenn sich die Gesellschaft nicht zu einem Besseren verändert. Dabei hinterfragt sie Denk- und Sprachmuster aus Schwarzer, intersektionaler Perspektive. Die Lesung stellt mitfühlend Fragen zu sozialer Gerechtigkeit: Wie sähe ein Miteinander aus, bei dem niemand ausgeschlossen wird? Wer bestimmt über Teilhabe? Und warum wird die Ablehnung behinderter Menschen nicht überwunden?
Hoffnung gemeinsam erproben
Diese Fragen sieht die Gessnerallee nicht nur als wichtigen Diskurs, sondern nimmt sie auch zum konkreten Anlass, Hoffnung ganz praktisch gemeinsam zu erproben: Der gesamte Programmschwerpunkt ist ein Covid-Safer-Event. In ihrem «Teen Vogue»-Artikel «COVID Isn’t Going Anywhere. Masking Up Could Save My Life» (deutsche Übersetzung: Covid verschwindet nicht einfach so. Maske-Tragen könnte mein Leben retten) benannte die Autorin und Aktivistin Alice Wong im Januar 2024 das Tragen der Maske als solidarische Praxis des Zusammenlebens. Keine zwei Jahre später starb sie an einer Infektion.
Wong schrieb an gegen die Individualisierung, oft getarnt als vermeintliche Eigenverantwortlichkeit, gegen die Rückkehr zu einer diskriminierenden Normalität und die gesellschaftliche Abwertung behinderten und chronisch kranken Lebens. In diesem Sinne gilt für alle Veranstaltungen im Rahmen von «Communities of Hope» eine Test- und Maskenpflicht, um möglichst vielen Personen mit möglichst geringem Infektionsrisiko den Besuch an der Gessnerallee zu ermöglichen. Barrierefreiheit wird hier zu einer geteilten Praxis, die alle braucht. Für Tests und Masken ist vor Ort gesorgt.
Ein Programmschwerpunkt ist nicht nur eine Gelegenheit, um Ästhetiken und Perspektiven an der Gessnerallee zu versammeln, sondern auch, um an Projekte anzuknüpfen: Bereits im Rahmen des Schwerpunkts «(Un)gentle Learning» zum Saisonstart 2025/26 gestalteten Theres Indermaur und Stephanie Müller mit ihrer interaktiven, sinnlichen Rauminstallation «Stars Are Never Sleeping, Dead Ones and the Living» erstmals einen künstlerischen Rückzugsraum im Nordflügel.
Während «Communities of Hope» werden die beiden Zürcher Szenografinnen erneut einen Raum der Gessnerallee verwandeln – diesmal wird die Südbühne vor, während und nach den Veranstaltungen als «Belonging Space» zum Ausruhen und Entdecken einladen.
Wie Räume gedacht und gestaltet werden, ist ein fester Bestandteil kuratorischer Arbeit. In ihrem Manifest «Health Rebels: A Crip Manifesto for Social Justice» für soziale Gerechtigkeit aus behinderter Perspektive fragt die Wissenschaftlerin und Aktivistin Alison Kafer: «Wie bestimmen die Zukunftsvisionen, die wir uns vorstellen oder erhoffen, die Beziehungen, die wir aufbauen, oder die Praktiken, die wir heute in der Gegenwart umsetzen?»(5)
Hoffnung verknüpft die Zukunft mit der Gegenwart – nicht nur als Gefühl, sondern als geteilte Praxis. «Communities of Hope» versteht Theater als Ort der Gemeinschaft und des Ausprobierens von hoffnungsvollen Strategien in Zeiten oft erdrückender Hoffnungslosigkeit. Denn Hoffnung als Praxis braucht Kreativität, wie sie auch von den Künstler*innen in ihren Performances, ihren Texten, ihrer Musik und gemeinsam mit dem Publikum erprobt wird.
Glossar
1 Die queere Community bezeichnet Menschen, die in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Identität von der gesellschaftlichen Norm (heterosexuell, cisgeschlechtlich) abweichen, sowie Menschen, die sich mit diesen Erfahrungen solidarisch verbunden fühlen.
2 Eine Mastektomie ist eine Operation, in der Brustgewebe entfernt wird.
3 «Dey/deren» ist ein Neopronomen, das von manchen Personen als geschlechterneutrale Alternative verwendet wird.
4 Begriffe wie «Hermaphrodit» werden heute nur noch als Selbstbezeichnung oder im historischen Kontext genutzt. Die meisten inter* Personen bezeichnen sich als «inter», «intersex» oder «intergeschlechtlich».
5 Englisches Original-Zitat: «How do the futures we imagine or hope for determine the relations we create or the practices we enact now in the present?»
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