Gessnerallee: Fliessende Stoffe, runde Räume, eine Vielzahl von Leuchtkörpern und das leise Plätschern von Wasser. Eure Installation ist ein interaktives, sinnliches Raumerlebnis und gleichzeitig ein inklusiver Ort der Ruhe während des Programmschwerpunkts «(Un)gentle Learning». Was hat euch dazu inspiriert?
Theres Indermaur und Stephanie Müller: Die Fragen nach Sinn und Sinnlichkeit bilden die grössten Bestandteile unserer Arbeit und haben uns dazu inspiriert, einen Raum zu entwickeln, der sich grundsätzlich mit unseren Sinnen beschäftigt und mit Reiz und Reduktion von Reizen spielt. Entstanden sind Raum-im-Raum-Situationen, in denen die Besuchenden eingeladen werden, einen Fokus auf einen bestimmten Sinn zu legen oder ihn bewusst nicht zu nutzen.
Die eigenen Sinne als Werkzeuge des In-der-Welt-Seins konfrontieren uns auch mit der Frage des Nicht-in-der-Welt-Seins und schlagen eine Brücke zu den grossen Lebensfragen, die wir in allen Lebensphasen aufs Neue verhandeln müssen und die uns letztendlich auch die eigene Vergänglichkeit und Sterblichkeit ins Bewusstsein rufen. Die Momente des Übergangs, des Trauerns und des Lernens lassen uns häufig klein und verletzlich zurück. Uns erinnert David Bowie’s Song «The Stars (Are Out Tonight)» an dieses Gefühl zwischen Demut und Staunen.
Die Installation wurde nach zahlreichen Barrierefreiheitskriterien entwickelt – gemeinsam mit Personen mit gelebter Erfahrung. Der Raum ist rollstuhlgängig, es gibt reizreduzierte Bereiche, ein taktiles Leitsystem am Boden, ein Touchmodell, Stim Toys und Noise-Cancelling-Kopfhörer für neurodivergente Personen. Wie war dieser Entstehungsprozess für euch?
Der Nordflügel der Gessnerallee ist ein langgezogener Raum mit vielen Säulen. Diese Voraussetzung sowie unser Wunsch, den ganzen Raum mit einer begehbaren, sinnlichen Installation zu bespielen, haben unseren Fokus besonders auf die Wegleitung im Raum gelegt. Wie können wir unsere behinderten und nicht behinderten Besucher*innen sicher und klar durch diesen anspruchsvoll strukturierten Raum führen? Und eine weitere Schwierigkeit war, wie wir mit möglichst wenig Spielregeln und Kommunikation einen Raum schaffen, in dem alle wissen, was sie dürfen und was nicht. Wichtig war uns, eine Magie im Raum zu schaffen und dass die Besucher*innen eintauchen und sich aufgehoben fühlen in dieser Atmosphäre.
Für den Entstehungsprozess waren Vorgespräche sehr wichtig für uns, um herauszufinden, welche unterschiedlichen Wünsche an den Raum und welche Bedürfnisse im Raum stehen. Während des Aufbaus waren auch Raumbegehungen zusammen mit Personen mit gelebter Erfahrung eine grosse Hilfe, weil wir uns aus der Vorstellung heraus nicht in alle Situationen hineinversetzen konnten. Inspirationen waren auch Beispiele von Barrierefreiheitsmassnahmen in Museen und öffentlichen Räumen. Der Prozess des Einbeziehens von unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen in unser Projekt war eine spannende Herausforderung, weil wir immer wieder an den Punkt gelangt sind, an dem wir uns fragen mussten, wie die Strukturen des Theaters eigentlich sind. Respektive, dass diese häufig sehr visuell funktionieren und somit eine Lösung für eine Gruppe von Personen besser wäre, aber für eine andere Gruppe dann nicht mehr funktioniert. Das hat für uns manchmal in der Gestaltung auch einen Kompromiss bedeutet. Diese multiperspektivische Erfahrung ist eine Bereicherung für unsere eigene künstlerische Sprache und schafft neue Ideen und Ästhetiken.