Zur Übersicht

Porträt

Mit Differenzen zusammen sein

Hadija Haruna-Oelker ist Journalistin und Mutter eines behinderten Kindes. Sie hat eine Migrationsgeschichte und weiss, wie wichtig es ist, miteinander zu leben statt gegeneinander. Gerade weil wir so verschieden sind, uns so vieles trennt.

Marah Rikli, 18. März 2026

Wie sähe ein Miteinander aus, bei dem niemand ausgeschlossen wird? Warum wird die Ablehnung behinderter Menschen nicht überwunden? Auch um diese Fragen geht es in der Lesung von Hadija Haruna-Oelker. Copyright: Katarina Ivanisevic

«Es geht mir darum, dass wir uns in allen Facetten kennenlernen und Unterschieden mit Offenheit begegnen. Und zwar auf Dauer. Denn es ist ein Weg, sich in Perspektivenwechsel, Empowerment und Verbündetsein zu üben», sagt Hadija Haruna-Oelker. Dabei spricht die Autorin und Mutter eines behinderten Kindes nicht nur von Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Sie spricht auch nicht einzig von Migrationserfahrungen, sondern von einer ganzheitlichen Haltung: dass wir alle verschieden und dadurch in unterschiedlichen Formen privilegiert, aber eben auch von Ausgrenzung und Differenz betroffen sind. Und dass dennoch Wege zusammen gefunden werden können.

Haruna-Oelker ist seit 2026 Mitglied des Stiftungsrates des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In diesem Gremium wird jährlich einer der wichtigsten Buchpreise für Völkerverständigung vergeben. Kaum jemand arbeitet so beharrlich an den Fragen von Erinnerung, Gerechtigkeit und demokratischem Zusammenhalt wie Haruna-Oelker. Bereits mit ihrem ersten Buch «Die Schönheit der Differenz», das 2022 erschien, stellte sie die Fragen: Warum sind wir getrennt? Und wie können wir mehr in Verbundenheit kommen?

In ihrem neuen Sachbuch «Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit» verhandelt sie diese Frage erneut. Nun aber noch persönlicher, dringlicher und vielleicht auch politischer. Im April wird Haruna-Oelker im Rahmen des Programmschwerpunkts «Communities of Hope» für eine Lesung aus «Zusammensein» an der Gessnerallee zu Gast sein.

«Gerade spüren viele Menschen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt auseinandergeht.»

Hadija Haruna-Oelker, Journalistin

Geboren wurde sie 1980 in Frankfurt am Main als Tochter einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Sie studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaft, Afrikanistik und Soziologie. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit in der politischen Soziologie und Migrationsforschung entschied sie sich für den Journalismus, um nicht erzählte Geschichten zu erzählen und Debatten öffentlich zu führen.

Sie absolvierte die Berliner Journalistenschule und arbeitet seither vor allem für den Hessischen Rundfunk. Zudem ist sie Kolumnistin der «Frankfurter Rundschau», moderiert unter anderem die Römerberggespräche in Frankfurt am Main, ist Podcast-Hostin von «Trauer & Turnschuh» gemeinsam mit dem Autor Max Czollek und vielfach ausgezeichnet.

Im Interview mit dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung «fluter» sagt Haruna- Oelker: «Gerade spüren viele Menschen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt auseinandergeht.» Ihr Buch «Zusammensein» verstehe sie daher noch mehr als Gegenbewegung, als Appell, antidemokratischen Kräften nicht das Feld zu überlassen.

Der Sozialdarwinismus wirkt bis heute

Als Schwarze Mutter eines behinderten Kindes of Color beschreibt sie sich dabei als «Miterfahrungs-Expertin». Denn die Erfahrung von Behinderung mache ihr Kind, aber sie lerne jeden Tag als Angehörige mit. Dabei werde ihr vor Augen geführt: Menschen werden in unserer Gesellschaft nach Nützlichkeit sortiert. Hadija Haruna-Oelker spricht hierbei von «sozialdarwinistischem Denken». Gemeint ist damit die Übertragung einer biologischen Idee auf soziale Verhältnisse, also das survival of the fittest als gesellschaftliches Prinzip.

Wer leistungsfähig, produktiv, ökonomisch verwertbar ist, gilt als wertvoll. Wer Unterstützung braucht, wer nicht mithalten kann oder will, wird zur Abweichung und damit «wertlos».

Dieses Denken misst Menschen an Produktivität, Anpassungsfähigkeit und Wettbewerbslogik und ist weder immer bewusst noch offen kommuniziert. «Aber es zeigt sich in Strukturen: im Bildungssystem, das früh selektiert. Im Arbeitsmarkt, der Verwertbarkeit belohnt. In politischen Debatten, die Kosten gegen Menschen aufrechnen», erklärt Haruna-Oelker in einem Interview mit der Podcasterin Karla Paul an der Frankfurter Buchmesse 2024 eindrücklich. Und sie führt aus, dass wer nicht in dieses Raster passe – weil behindert, arm, chronisch krank, geflüchtet oder anderweitig marginalisiert –, spüre die Grenzen der Zugehörigkeit oder anders: spüre Abwertung und Ausschluss.

Historisch erreichte dieses Denken seinen grausamen Höhepunkt im Nationalsozialismus, in den sogenannten Euthanasie-Programmen, in denen auch Hunderttausende behinderte und chronisch kranke Menschen ermordet wurden, weil sie als «lebensunwert» galten.

Hadija Haruna-Oelker macht in ihren Büchern deutlich: Sozialdarwinismus ist kein abgeschlossenes Kapitel. Er wirkt fort, oft verkleidet als Effizienz, Leistungsprinzip oder Sparzwang. Diesen Wolf im Schafspelz zu erkennen und zu benennen, sei gerade jetzt, wo rechte Kräfte immer stärker wirkten, umso wichtiger.

So stellt sie in ihren Arbeiten immer wieder die grundlegenden Fragen: Ist Würde an Leistung gebunden? Oder ist sie bedingungslos? Und wie sähe eine Gesellschaft aus, in der wir alle gleich wertvoll wären? Die Autorin findet, die Gesellschaft brauche für Lösungen erst einmal Utopien, Leitgedanken und Imaginationen. Ihre Bücher können solche sein.

«Inklusion ist daher auch nicht gescheitert, wie es oft propagiert wird. Inklusion hat noch gar nicht begonnen.»

Hadija Haruna-Oelker, Journalistin

Der Unterschied zwischen Integration und Inklusion Inklusion und Ableismus, die Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung, sind für Haruna-Oelker kein Randthema, sondern markieren eine demokratische Kernfrage. Denn in der Auseinandersetzung mit Ableismus verdichten sich die grundlegendsten Fragen unserer Gesellschaft: Wer gehört dazu? Wer entscheidet darüber? Und nach welchen Massstäben?

Dazu kommt, dass Nicht-Behinderung kein stabiler Zustand ist und sich im Laufe eines Lebens durch Krankheit, Unfall oder Alter verändern kann. Der Begriff temporarily able-bodied (TAB) aus den Disability Studies, deren Forschung auch die Arbeit von Hadija Haruna- Oelker prägt, legt offen, wie sehr gesellschaftliche Strukturen an der Norm der Nicht-Behinderung ausgerichtet sind, obwohl dauerhafte oder situative Behinderung für viele Menschen gelebte Realität ist.

Inklusion werde häufig missverstanden und mit Integration verwechselt, so Haruna-Oelker. Integration, wie sie etwa in Schulen praktiziert werde, bedeute nämlich Anpassung an bestehende Normen, nicht aber, neue Systeme oder Systeme für alle zu etablieren.

Inklusion hingegen heisse, einen neuen Ort zu denken, auf den sich alle zubewegen, um gemeinsam auszuhandeln, wie ein gutes Zusammenleben gelingen kann. «Inklusion ist daher auch nicht gescheitert, wie es oft propagiert wird», sagt sie, «Inklusion hat noch gar nicht begonnen.»

Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung

Die Autorin ist dennoch nicht anklagend, im Gegenteil. Was ihre Arbeit prägt, ist eine radikale Zugewandtheit. Sie sieht Potenzial in Menschen mit und ohne Behinderung, in Personen mit und ohne Migrationsgeschichte, egal welcher Religions- oder sexuellen Zugehörigkeit oder welchen Geschlechts, in alten wie in jungen Menschen. Es sei wichtig, das Wissen der älteren Generationen genauso ernst zu nehmen wie die Offenheit von Kindern und Jugendlichen und ihre Fähigkeiten, Unterschiede weniger vorschnell abzuwerten.

Am Ende geht es ihr also nicht um moralische Überlegenheit, sondern um Beziehung. Nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Ihre Frage «Warum sind wir getrennt?» ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung, genauer hinzusehen. Und vielleicht neu zu beginnen, zusammen, um «alles auf Anfang» zu setzen.

Hadija Haruna Oelker

Die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker lebt und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Jugend und Soziales, Rassismus- und Diversitätsforschung. Gemeinsam mit Kübra Gümüşay und Uda Strätling hat sie das Gedicht «The Hill We Climb» von Amanda Gorman übersetzt. Zudem ist sie Teil des Journalist*innenverbandes Neue Deutsche Medienmacher*innen (NDM) und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Zur Veranstaltung

«Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit»
Hadija Haruna-Oelker
Lesung
Do, 16.04., 19.30 Uhr

Mehr zum Programmschwerpunkt «Communities of Hope»

Mehr Beiträge

«Unsere Körper sind Archive»

18. März 2026

Von Suban Biixi

Die zwei Künstlerinnen Fatima Moumouni und Zainab J Lascandri über ihre Kindheiten als Black children und Performance als Ort von Erinnerung und Widerstand. Ein Gespräch über Einsamkeit, Unsichtbarkeit – und die Möglichkeit einer anderen Zukunft. Lesen

«Unsere Körper sind Archive»

18. März 2026

Von Suban Biixi

Die zwei Künstlerinnen Fatima Moumouni und Zainab J Lascandri über ihre Kindheiten als Black children und Performance als Ort von Erinnerung und Widerstand. Ein Gespräch über Einsamkeit, Unsichtbarkeit – und die Möglichkeit einer anderen Zukunft. Lesen

Eingeschriebene Geschichten

18. März 2026

Von Amani Abuzahra

In diesem Format schreiben verschiedene Autor*innen über ihre «Gedanken zu Theater». Ein Beitrag von Amani Abuzahra über Geschichten, die sich über die Jahre in den Körper einschreiben – und wie das Theater diese Einschreibungen sichtbar machen und unterbrechen kann. Lesen

«Wie nach einer Umarmung»

18. März 2026

Von Rahel Bains

Nach einer Auszeit steht Anouchka Gwen als Solokünstler*in auf der Bühne – mit neuer Nähe zu sich selbst. Die Musiker*in spricht über Verletzlichkeit als Stärke, Zugehörigkeit in der Kulturszene und darüber, warum Hoffnung immer ein kollektiver Akt ist. Lesen

Nach oben