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Reportage

«Militär, Autobahn und Freies Theater – die Geschichte der Gessnerallee»

Bevor Kulturschaffende die Bühnen der Gessnerallee bespielten, tanzten Pferde im militärischen Galopp durch die Reithalle. Ein historischer Rückblick auf die 150-jährige Geschichte des Hauses mit persönlichen Anekdoten des Zürcher Stadtoriginals Alice Bamberger.

Julien Felber, 21. Juni 2026

Alice Bamberger vor ihrem Geschäft an der Löwenstrasse.

Alice lehnt sich gegen die gläserne Säule vor der Gessnerallee, schaut auf die hölzerne Eingangspforte und hält einen Moment inne. Über dem Tor ziert das Wappentier Zürichs, der Löwe, flankiert von zwei Pferdeköpfen den Eingangsbereich der ehemaligen Reitstallungen. Entlang des Dachgiebels verweisen elf goldene, säbelartige Metallobjekte auf die militärische Vergangenheit des geschichtsträchtigen Hauses. «Mein Vater hatte auch noch so einen Säbel, im Zweiten Weltkrieg», erinnert sich Alice, dreht sich von der Gessnerallee weg und lässt ihren Blick Richtung Sihl schweifen: «Früher, vor meiner Zeit, gehörte das alles hier noch nicht zur Stadt, es gab damals nur den Kreis eins, das Aussersihl-Quartier hatte noch nichts mit Zürich zu tun.»

Alice Bamberger ist keine Historikerin, vielmehr ist sie ein Zürcher Stadtoriginal und seit über einem halben Jahrhundert Inhaberin und Verkäuferin, Herz und Seele des «Bambus Army- und Navy Surplus Store» an der Löwenstrasse. Mit der Gessnerallee verbindet die heute 84-Jährige jedoch nicht nur die geografische Nähe zu ihrem Geschäft, sondern vor allem auch frühe Erinnerungen an ihre Kindheit und die Geschichten ihres Grossvaters, der als Stallmeister in den ehemaligen Reitstallungen Militärdienst leistete. Denn bevor im Herbst 1989 mit der Eröffnung der «Kulturinsel Gessnerallee» ein neues Zentrum für Freies Theaterschaffen entstand, war die Gessnerallee Teil des historischen Kasernenareals und bot in ihren Stallungen Platz für die Pferde des Zürcher Militärkorps.

Futtertröge im Stall6.

Eine Kavallerie-Kaserne entsteht

Seit über 150 Jahren steht das denkmalgeschützte Gebäude der Gessnerallee entlang der Sihl, durch eine eiserne Brücke verbunden mit dem restlichen Kasernenareal. Von den Kriegsjahren bis hin zur Motorisierung der Gesellschaft und bis zu Debatten zu Ökologie, Antimilitarismus und Kultur prägte steter Wandel die Geschichte des Hauses. Begonnen allerdings hatte alles mit einem Landtausch zwischen Stadt und Kanton. Für gerade einmal einen Franken pro Quadratmeter verkaufte die Stadt im Zuge des sogenannten «Kasernenhandels» 1864 das Land, auf dem später die Reitstallungen und das Kasernenareal gebaut wurden, an den Kanton.

Im Gegenzug erhielt die Stadt das damalige Militärgebiet Talacker-Paradeplatz und konnte dadurch die Planung des Bahnhofstrassenquartiers vorantreiben. Als Kavalleriekaserne konzipiert, entstanden 1869, im damals noch nicht zur Stadt gehörenden Aussersihl-Gebiet, zunächst die Reitstallungen und die Zeughäuser. Sieben Jahre darauf, nach dem Brand der alten Kaserne am Talacker, folgte das restliche Kasernenareal. «Die Kavallerie war in keinem guten Zustand, mit dem Neubau wollte man diese damals wichtige Truppengattung stärken», sagt Rudolf Jaun, ehemaliger Militärhistoriker an der ETH und der Universität Zürich.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hätte sich schnell gezeigt, dass die berittenen Truppen der Feuerkraft neuer Waffengattungen nicht mehr gewachsen seien. Trotz dieser frühen Einsicht dauerte es bis 1972, bis die Kavallerie per Parlamentsbeschluss endgültig aufgelöst wurde. «Ich kann mich noch gut an einen Wiederholungskurs in Bern 1969 erinnern, da wurde ich von Pferdegetrappel geweckt. Verwundert sah ich, wie Militärpferde noch immer schwere Waffen hinter sich herzogen», das sei natürlich schon damals völlig anachronistisch gewesen, so der Militärhistoriker.

«Der Soldat selbst war nicht viel wert, das Tier schon.»

Alice Bamberger

Dass so lange an der Kavallerie festgehalten wurde, sei ein politischer Entscheid gewesen: «Wer zur Kavallerie wollte, musste ein Pferd ersteigern, der Kaufpreis war vergleichsweise günstig, dazu wurde einem eine Prämie für die Verpflegung und den Unterhalt ausbezahlt. Nach dem Militärdienst durfte man das Pferd behalten.» Besonders für Bauern, die den Grossteil der Kavallerie ausmachten, sei dies attraktiv gewesen, dementsprechend habe sich die Bauernlobby auch für den Erhalt der Kavallerie eingesetzt. Auch Alice Bamberger erzählt davon, wie beliebt die Pferde damals waren: «Mein Grossvater musste in den Zeiten des Ersten Weltkrieges ganz genau Buch führen über den Bestand der Pferde, denn sie wurden immer wieder mal gestohlen. Der Soldat selbst war nicht viel wert, das Tier schon», sagt sie und schmunzelt.

Durch die grosse Eingangspforte betritt Alice die Gessnerallee, geradeaus führt eine Treppe hoch zu den heutigen Büroräumlichkeiten des Theaters, auf der rechten Seite liegt der Eingang zum Restaurant Riithalle. Seit das Militär aus der Kaserne ausgezogen ist, sei sie nicht mehr hier gewesen, erzählt die Stadtzürcherin. Mit funkelnden Augen betritt sie das Restaurant, das früher mal ein Stall war. In den Räumlichkeiten, in denen ihr Grossvater wirkte, begibt sie sich auf die Suche nach den noch verbleibenden Spuren alter Tage. «Siehst du das hier? Die Sockel, die mussten sie in Beton giessen, sonst hätten die Pferde mit ihren Hufen das alles kaputtgemacht, deswegen ist das Holz hier auch so abgewetzt.» Zielstrebig bewegt sich Alice durch das Restaurant, die Erinnerungen scheinen ihr blitzartig in den Kopf zu schiessen: «Hier hinten sollte eine Treppe auf den Dachboden führen, dort haben die Soldaten auf Seegrasmatratzen geschlafen.» Kalt sei es damals gewesen, das habe ihr Grossvater stets erzählt: «Er musste ja Buch führen, wegen der Kälte ist ihm aber ständig die Tinte eingefroren.»

Felix Bamberger war während des gesamten Ersten Weltkriegs im Zuge der Mobilmachung in der Gessnerallee stationiert. Auch ohne direkte Kampfhandlungen prägten Aktivdienst, Lebensmittelknappheit und Teuerung bei stagnierenden Löhnen Zürich stark. Laut der Publikation «Militär im Sihlraum» führte dies zur Radikalisierung der Arbeiter*innen und zu damit verbundenen Streikaufrufen, welche 1917 in gewaltsame Auseinandersetzungen mit vier Todesopfern mündeten. Während der sogenannten «Aussersihler Unruhen» wurden Militäreinheiten aus der Kaserne Zürich zur «Wiederherstellung der Ordnung» aufgeboten, mit Maschinengewehren bezogen diese Stellung im Langstrassenquartier. Ein Jahr darauf folgte der Generalstreik, im Zuge dessen in der ganzen Schweiz rund 100’000 Armeeangehörige einberufen wurden. «Generalstreik konnte damals viel bedeuten, vom Fabrikstreik bis zum befürchteten Umsturz», sagt Rudolf Jaun. Dieser blieb jedoch aus, im Grossen und Ganzen sei es in Zürich ruhig geblieben, was am «massiven Auftritt des Militärs» in der Stadt gelegen habe, so der Historiker.

Raum für neue Projekte und Visionen in den ehemaligen Militärstallungen.

Das Militär im Quartier

All dies geschah noch vor Alice Bambergers Zeit. Die Mobilmachung und das Militär prägten jedoch die Biografie von Alice, 1942 geboren, vom ersten Moment an: «Mein Vater, Marcel Bamberger, war Feldweibel und hatte 350 Soldaten unter sich», erzählt sie nicht ohne Stolz und fährt lachend fort: «Ich weiss nicht, weshalb ich überhaupt geboren wurde, während des Zweiten Weltkriegs war er auf dem Gotthard stationiert und kaum zu Hause.» Genau wie ihr Grossvater absolvierte auch ihr Vater seine militärische Ausbildung in der Kaserne Zürich, jedoch nicht in den Reitstallungen, sondern auf der anderen Seite der Sihl, im heutigen Kasernenareal. Die Soldaten seien gerne dort untergebracht gewesen, erzählt Alice, vorwiegend aufgrund der Nähe zum Langstrassenquartier: «Das wenige Geld, das die Soldaten hatten, gaben sie in den Beizen aus.» So trugen die Heerscharen junger Rekruten massgeblich dazu bei, dass sich ein Teil des Aussersihl-Quartiers rund um die Militär- und Langstrasse als heutiges Ausgeh- und Rotlichtviertel etablierte.

Auch sonst entwickelte sich das Quartier rund um die Kaserne rasant. Die Militärpräsenz mitten in einem aufstrebenden Stadtteil sei irgendwann nicht mehr zeitgemäss gewesen und habe auch nicht mehr den Bedürfnissen einer modernen Armee entsprochen, so Rudolf Jaun. Auch die hygienischen Zustände in der mittlerweile in die Jahre gekommenen Kaserne liessen zu wünschen übrig, wie mehrere Anfragen und Interpellationen im Zürcher Gemeinderat belegen. Dies führte dazu, dass ab Mitte der 50er-, Anfang der 60er-Jahre immer offener über einen Wegzug der Armee aus der Stadt Zürich debattiert wurde. Bereits 1961 begann die Stadt Zürich in Birmensdorf Land zu erwerben mit der Absicht, im Reppischtal einen neuen Waffenplatz samt Kaserne zu errichten. Die Pläne stiessen jedoch nicht nur auf Wohlwollen, wie Jaun erzählt: «Argumente des Naturschutzes, gepaart mit einer immer stärker verbreiteten antimilitaristischen Geisteshaltung führten zu starkem Widerstand in der Bevölkerung.» Nichtsdestotrotz besiegelte die Annahme der kantonalen Initiative zum Umzug der Kaserne 1975 das Ende der Militärstallungen an der Gessnerallee sowie der Kaserne Zürich. 1986, elf Jahre später, verliessen die letzten Rekruten die Stadtkaserne und machten somit Platz für neue Projekte und Visionen entlang der Sihl.

««Die Hippies kamen ebenfalls zu uns, die haben auch gerne diese Camouflage-Kleidung getragen.»»

Alice Bamberger

«1985 kam meine jüngste Tochter zur Welt, kurz darauf konnte man die Gessnerallee wieder betreten, ich bin direkt hin, um mich nochmals umzuschauen», erzählt Alice Bamberger nostalgisch. Die enge Verbindung zwischen der Familie von Alice und dem Militär blieb bestehen, auch aus geschäftlichen Gründen. So absolvierte ihr Grossvater eine kaufmännische Ausbildung in einer Textilfabrik, welche die Uniformen für das Zürcher Militärkorps herstellte. Felix Bamberger arbeitete sich vom Lernenden in der Buchhaltung zum Geschäftsleiter hoch und übernahm die Firma, welche fortan unter dem Namen Bamberger & Cie. an der Stampfenbachstrasse Hemden produzierte, auch für die Kaserne Zürich.

Im «Bambus» reiht sich Uniform an Uniform, daneben Cargo-Pants und Vintage-Kleidung.

Ein Meer an Tarnfarbe

Alice selbst zog es nach der Matura nach Genf, wo sie ein Praktikum als Haute-Couture-Schneiderin absolvierte, um dann, zurück in Zürich, in der Hemdenfabrik ihrer Familie zu arbeiten. Die Schliessung der Fabrik führte 1960 zur Gründung des «Bambus Army- und Navy Surplus Store» im bereits bestehenden Fabrikladen an der Löwenstrasse. Von einem aufkommenden Antimilitarismus habe sie damals nicht viel gespürt, so Alice, im Gegenteil: «Die Hippies kamen ebenfalls zu uns, die haben auch gerne diese Camouflage-Kleidung getragen.»

Vermeintliche Gegensätze scheinen sich im «Bambus» seit jeher in Luft aufzulösen, der Laden wirkt ebenso alternativ wie militaristisch. Dicht gedrängt reiht sich Uniform an Uniform, daneben Cargo-Pants und Vintage-Kleidung. Im Meer an Tarnfarbe geht ein grosses Flakgeschütz, das mitten im Laden steht, beinahe unter. In der Umkleidekabine hängt ein Bild von General Dufour, der 1847 der erste General der Schweizer Armee wurde und später das Rote Kreuz mitbegründete.

Gleich neben Dufour ist ein grosses Porträt von Che Guevara zu sehen. Alice läuft ins Lager, vorbei an einer Pinnwand mit alten Familienerinnerungen, skurrilen Postkarten und ein paar wenigen Postern mit spärlich bekleideten Frauen, darüber ein Pappkarton mit feministischen Parolen, eine Erinnerung an den jährlichen feministischen Streiktag. Voller Stolz zeigt Alice ein Foto, das ihren Vater als kleines Kind zeigt, bereits in Uniform, an der Hüfte den Säbel der Kavallerie. Während Alice den Laden zu Beginn mit ihrer Mutter leitete, arbeiten heute, 65 Jahre später, ihre eigenen Kinder im Familienbetrieb weiter.

Nicht nur General Dufour ist nahe bei Alice, auch ein Bild von General Guisan ist immer da.

Die alternative Kultur erhebt ihren Anspruch

Noch vor dem definitiven Entscheid über den Wegzug des Militärs aus der Stadt Zürich wurde angeregt über die weitere Nutzung der Gessnerallee diskutiert. Da bereits im Jahr 1968 die letzten Pferde aus den Reitstallungen ausgezogen waren, stand das Areal schon länger leer und wurde von der Armee lediglich noch als Magazin und Lagerraum genutzt. Die Reithalle wurde zur Mehrzweckhalle umgebaut, wodurch bereits in den 70er-Jahren erste Ausstellungen und Theateraufführungen stattfinden konnten.

Vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung wurde auch in Zürich der Ruf nach Freiräumen und niederschwelligen Kulturlokalen immer lauter. Die zum Teil bereits leer stehenden Räumlichkeiten an der Gessnerallee weckten das Interesse der «Autonomen Zürcher Jugendbewegung», die in den frühen 70er-Jahren als «Bunkerjugend» bekannt wurde. Zu ihrem Namen kam die Gruppe durch einen alten Luftschutzkeller am Lindenhof, den die Stadt den jungen Erwachsenen als autonomes Jugendzentrum (AJZ) zur Verfügung stellte. Nach einer Razzia wurde das AJZ bereits nach kurzer Zeit von der Polizei wieder geschlossen, woraufhin mehrere Jugendliche den Luftschutzkeller besetzten und die «Autonome Republik Bunker» ausriefen.

Der Betonsockel hielt die Pferde davon ab, den ganzen Pfosten zu bearbeiten.

Kurz nachdem auch die Besetzung polizeilich geräumt worden war, forderte die Bunkerjugend an einer einberufenen Vollversammlung im Volkshaus ein neues AJZ und schlug dabei konkret die Reitstallungen der Gessnerallee vor, wie die «Thurgauer Zeitung» Ende Januar 1971 berichtete. Die Befürworter*innen richteten ihre Forderungen auch an den Zürcher Gemeinderat. Im Mai 1972 erteilte der kantonale Regierungsrat den Plänen jedoch eine Abfuhr und schrieb in einem Beschluss: «So sehr auch der Regierungsrat Verständnis für die Probleme der Jugendbewegung aufbringt, bedauert er ... dem Wunsch auf Abtretung eines Areals zwischen Gessnerallee und Schanzengraben nicht entsprechen zu können.»

Als Grund nannte der Regierungsrat die noch nicht abgeschlossene Planung entlang des Sihlufers und meinte damit das umstrittene und gigantische Projekt «Expressstrassen-Y». Ziel des bereits in den 60er-Jahren initiierten Vorhabens war es, die Autobahnen A1 und A3 miteinander zu verbinden und diese mithilfe einer Hochstrasse über die Sihl quer durch die Stadt zu führen. Die Pläne stiessen jedoch auf erheblichen Widerstand. In einer Interpellation an den Kantonsrat schrieb der Sozialdemokrat Fritz Nehrwein 1971: «Der Flusslauf wird zugedeckt, die Stadt Zürich wird verunstaltet, die Abgase der Motorfahrzeuge fliessen auf die Anwohner und Strassenpassanten hinab. Alles im Interesse eines flüssigen Motorfahrzeugverkehrs.»

Obschon 1974 und 1977 zwei Initiativen, die das Autobahnprojekt stoppen wollten, an der Urne scheiterten, gelang es den Gegner*innen des «Ypsilon» letztlich, die Überbauung des Sihlufers zu verhindern. Unter anderem durch anhaltenden politischen Widerstand, Proteste und veränderte verkehrspolitische Prioritäten, wodurch das Projekt schrittweise an Bedeutung verlor. Das jahrelange politische Hickhack rund um das Projekt führte jedoch mit dazu, dass konkrete Pläne zur Zukunft der Gessnerallee erst kurz vor dem Auszug des Militärs bekannt wurden.

In schönen Erinnerungen schwelgen: Alice Bamberger vor der Gessnerallee.

Wer vertritt das «Freie Theater»?

Im August 1985 berichtete die NZZ über die geplante Ausschreibung zweier Projektwettbewerbe durch die Stadt und den Kanton. Unter dem Namen «Kulturinsel Gessnerallee» sollte zwischen Sihl und Schanzengraben Raum für eine «vielfältige kulturelle Nutzung» entstehen sowie der Schauspielakademie Zürich ein neues Zuhause geboten werden. Nach dem Abzug des Militärs wurden die Pläne konkreter und der Stadtrat bewilligte einen Teilkredit, um das Projekt voranzutreiben. 23 Personen aus dem Umfeld des Zürcher Theater Spektakels gründeten den Verein «Theaterhaus Gessnerallee», der von nun an der Stadt als Vertragspartner gegenüberstehen sollte. Das zukünftige Theaterhaus würde in erster Linie freien Gruppen als Probelokal und Aufführungsort dienen und somit eine Lücke in der Theaterlandschaft Zürichs schliessen, wie Mitinitiator Wolfgang Wörnhard gegenüber der NZZ berichtete.

Im Januar 1987 folgte dann eine erste Pressekonferenz der Stadt zu den Plänen. Der Vorsitzende des Präsidialamts der Stadt Zürich, Jean- Pierre Hoby, bekräftigte noch einmal das Bestreben, das Freie Theaterschaffen mit dem neuen Kulturlokal «auf allen Ebenen unterstützen zu wollen». Dass dabei auf ein Leitungsteam rund um das Zürcher Theater Spektakel gesetzt wurde, sorgte jedoch für gemischte Reaktionen. In der NZZ erschien ein Kommentar, der den Entscheid lobte, da dieser ein Mindestmass an Professionalität garantiere, wodurch eine weitere «Filiale des ‹Kulturkonglomerats› Rote Fabrik/Kanzleischulhaus» verhindert werde. In der sozialdemokratischen Zeitung «Volksrecht» hingegen kritisierte ein Kommentator die Besetzung: «Für mich ist das Herauspicken der erfolgreichsten – und vielleicht auch besten – Vertreter der alternativen Kultur und sie gleichsam in den Rang eines anerkannten Theaters zu erheben, nicht wirklich Förderung alternativer Kultur.»

Im Zentrum solle das Gewähren von Raum auch für nicht professionelle Gruppen stehen, ansonsten sei es lediglich ein von Obrigkeiten gewährtes Kulturhäppchen. Auch die Interessengemeinschaft der Tanzgruppen meldete sich zu Wort und forderte, den Theaterschaf fenden betreffend Anspruch auf Räumlichkeiten in der Gessnerallee gleichgestellt zu werden. Die Initiator*innen reagierten auf die Kritik und setzten anstelle des Trägervereins, bestehend aus Personen rund um das Theater Spektakel, neu einen 13-köpfigen Theaterrat ein, der fortan mit der Stadt verhandeln und über die Leitung des Theaters bestimmen sollte.

Am 13. Oktober 1989 war es dann so weit, das Theaterhaus Gessnerallee nahm mit einem dreitägigen Eröffnungsfest feierlich seinen Betrieb auf. Die Stadt gewährte einen Kredit über rund 4 Millionen Franken für eine dreijährige Testphase, danach würde eine Volksabstimmung über weitere Kredite entscheiden. Zwei Monate nach Aufnahme des Betriebs musste dieser jedoch bereits pausiert werden, da es in den alten Hallen während der Wintermonate schlichtweg zu kalt für Aufführungen oder zum Proben war. Trotzdem erwies sich der Testbetrieb als erfolgreich: Nach einer Verlängerung der Testphase und über 700 Vorstellungen mit rund 110’000 Zuschauer*innen folgte am 28. November 1993 die städtische Abstimmung über die Zukunft des Hauses. Dabei ging es um einen Betriebskredit von 1,5 Millionen Franken, einen Kredit über 3 Millionen Franken, um die Räumlichkeiten, die noch immer dem Kanton gehörten, zu erwerben sowie einen Kredit über 9 Millionen Franken für eine Teilsanierung des Gebäudes. Mit rund 52’000 Ja-Stimmen gegenüber 47’000 Nein-Stimmen sprach sich die Stadtbevölkerung klar für die Gessnerallee aus. Nach vier Jahren Betrieb und grösseren Um- bauarbeiten zog die Schauspielakademie des Jungen Theaters Zürich 1997 in die beiden ehemaligen Stallungsgebäude zwischen Gessnerallee und Sihl ein und das Theaterhaus, wie wir es heute kennen, begann sich zu entwickeln und zu formen.

«Die Geschichte der Gessnerallee ist auch eine Geschichte von globalen und lokalen Umwälzungen.»

Die Geschichte der Gessnerallee ist auch eine Geschichte von gesellschaftlicher Transformation, von globalen und lokalen Umwälzungen. Veränderungen, die sich vor unser aller Augen abspielen und entfalten und seit 1989 in der Form von Theater und Tanz, Gesang, Performance und Diskussionsveranstaltungen in der Gessnerallee aufgegriffen, in künstlerische Formen übersetzt und immer wieder neu verhandelt werden. Theater als «Leben im Kleinformat», die Gessnerallee als Raum für «alles, was weder modisch noch traditionell ist, sondern getragen wird von einem sicht- und spürbaren gesellschaftlichen Impuls», wie es der langjährige Radiomacher und Kulturjournalist Peter Buri im Eröffnungstext des ersten Programmhefts des Theaterhauses formulierte. Eine Haltung, die das Haus bis heute prägt und immer wieder neu belebt. Und Alice? Auch mit 84 Jahren steht sie noch immer beinahe täglich in ihrem Geschäft an der Löwenstrasse, verkauft und feilscht, berät und plaudert.

Zum Autor

Julien Felber (er/ihm), *1994, ist Journalist und freischaffender Fotograf aus Winterthur. Nachdem er Jahre im Detailhandel und saisonal in den Bündner Bergen arbeitete, studierte er Kommunikation und Journalismus an der ZHAW. Während seiner Ausbildung war er als Autor und Fotograf für das Winterthurer Kulturmagazin «Coucou» tätig und sammelte zudem journalistische Erfahrung bei der Fernsehsendung «Kassensturz». Heute ist er Mitglied der Redaktion von «Watson» in Zürich.

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