Es gibt diesen einen Moment. Das Licht geht aus – nicht als Verlust, sondern als Versprechen. Eine Finsternis, die nicht leer ist, sondern voll. Jedes Mal, wenn es dunkel wird, denke ich: Jetzt passiert etwas Magisches. Jetzt darf etwas geschehen, was ausserhalb dieses Raumes nicht möglich wäre.
Ich bin Programmmacherin – zurzeit mit Fokus auf dem Tanz. Ich sitze in diesem Dunkel, oft hundertmal im Jahr, ich schaue unzählige Tanz- und Theateraufführungen an. Und trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt diese Erwartung unerschöpft. Das ist vielleicht das Wunder der Bühne: dass sie sich nicht abnutzt. Dass die Dunkelheit jedes Mal neu beginnt.
«Das ist vielleicht das Wunder der Bühne: dass sie sich nicht abnutzt.»
Das Stück «The Bride and The Goodnight Cinderella» von Carolina Bianchi Y Cara de Cavalo war so ein Moment. Eine Arbeit, die nicht erklärt, nicht beruhigt, die einen nicht entlässt in die Gewissheit – sondern die einen trifft. Im Körper. In der Stille danach. Ich sass da und dachte: Ja. Genau das. So kann Kunst sein. So muss sie manchmal sein.
Und das ist es, woran ich glaube, wenn ich an Tanz denke: Tanz ist keine Illustration. Tanz ist keine Aussage über die Welt – Tanz ist Welt. Ein Körper, der sich bewegt, bewegt etwas. Im Raum. Im Publikum. Manchmal in der Gesellschaft. Bewegung ist der älteste politische Akt, den wir kennen. Bevor es Sprache gab, gab es den Körper. Bevor es Gesetze gab, gab es den Rhythmus.
Und noch etwas: Tanz verbindet. Wenn Menschen denselben Atem teilen, dasselbe Schweigen nach einem Stück – dann entsteht echte Verbundenheit. Keine simulierte Nähe, kein performatives Bekenntnis. Solidarität als körperliche Erfahrung. Das Publikum ist kein Gegenüber, sondern ein Miteinander. Und das ist, in einer Zeit der verwalteten Zugehörigkeit, ein stiller Widerstand.
«Wir leben in einer Zeit, in der die Welt sich schwer anfühlt.»
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt sich schwer anfühlt. In der man nicht weiss, wie man Dinge trägt, die zu gross sind für einen einzelnen Menschen. Und genau da – in diesem Zustand der Überwältigung – brauchen wir Orte, die die Schwere nicht wegzaubern, aber sie Form werden lassen. Orte, die sagen: Du bist nicht allein damit. Nimm es wahr. So ist es. Fühl das.
Tanz kann das. Nicht indem er Antworten liefert. Sondern indem er Fragen in den Körper überträgt. Indem er uns gemeinsam erschüttert. Und Erschütterung – das vergessen wir manchmal – ist der Anfang von Veränderung.
Wenn es dunkel wird, glaube ich daran. Immer noch.
Zur Autorin
Catja Loepfe (sie/ihr), *1970, ist noch bis Sommer 2026 künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Tanzhauses Zürich. Sie hat eine umfassende institutionelle Transformation verantwortet und Strukturen für mehr Diversität, Zugänglichkeit und ökologische Nachhaltigkeit etabliert. Ihre kuratorische Handschrift verbindet künstlerische Qualität mit gesellschaftlicher Wirkung.