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Interview

«Wie nach einer Umarmung»

Nach einer Auszeit steht Anouchka Gwen als Solokünstler*in auf der Bühne – mit neuer Nähe zu sich selbst. Die Musiker*in spricht über Verletzlichkeit als Stärke, Zugehörigkeit in der Kulturszene und darüber, warum Hoffnung immer ein kollektiver Akt ist.

Rahel Bains, 18. März 2026

«Ich möchte die softness, die ich in mir trage, bewusst mit auf die Bühne nehmen»: Anouchka Gwen. Copyright: Kërå Pathmanathan

Rahel Bains: Du wirst nach einer Auszeit schon bald als Solokünstler*in auf die Bühne zurückkehren. Inwiefern hat diese Pause deinen Blick auf das Bühnengeschehen verändert?

Anouchka Gwen: Ich merke immer wieder, wie gut es mir getan hat, diese Pause zu machen. Ich habe mir selbst beigebracht, mir mehr Zeit zu nehmen und mich zu fragen, warum ich diese Arbeit überhaupt mache. Vor der Pause habe ich viel gespielt, war im-mer on the radar. Das war für mich jedoch nicht wirklich nachhaltig. Vieles wurde nullachtfünfzehn, ich habe einfach gemacht und funktioniert, ohne gross darüber nachzudenken. Heute möchte ich einen deutlich nachhaltigeren Ansatz verfolgen. Sollte ich zum Beispiel wieder einmal mit einer Band spielen, dann wahrscheinlich im Rahmen eines Pop-up-Konzepts. Mit Menschen, die ich kenne, von denen ich weiss, dass sie professionell sind und mir ein Gefühl von Sicherheit geben, wenn ich auf der Bühne am Ausprobieren bin. Denn mein Sound hat sich stark verändert. Ich bin heute spontaner, aber ich fühle mich dadurch auf der Bühne auch vulnerabler.

In welche Richtung geht diese Veränderung genau?

Mein Sound soll authentischer werden, denn inzwischen habe ich meine «Bühnen-Persona» gefunden – und die ist gar nicht so weit entfernt von mir als Mensch. Zu Beginn meiner Musikkarriere wollte ich stets eine gewisse Distanz zwischen meiner Kunst und mir selbst wahren, weil Musikmachen und Singen viel Vulnerabilität mit sich bringen. Entsprechend fiel es mir schwer, Verletzlichkeit zu zeigen. Und manche Auftritte fühlten sich wie ein Schauspiel an, bei dem ich etwas repräsentieren sollte, das ich eigentlich nicht bin. Heute möchte ich die softness, die ich in mir trage und die auch mein Schreiben prägt, bewusst mit auf die Bühne nehmen.

«Über den emotionalen Druck und darüber, wie sehr zwischenmenschliche Beziehungen die Arbeit prägen, wird kaum gesprochen.»

Anouchka Gwen, Musiker*in

Wie entscheidest du, welche Gedanken öffentlich geteilt werden dürfen und welche privat bleiben?

Das ist weniger eine bewusste Entscheidung als ein Prozess. Beim Schreiben merke ich sehr schnell, wie ich auf meine eigenen Worte reagiere. Manchmal spüre ich: Das ist etwas, das ich selbst noch nicht ganz verstanden habe. Dann braucht es Zeit, bis ich es teilen kann. Was nach aussen darf, entsteht individuell – je nach Song und Text. Ich gehe stark nach Bauchgefühl. Gleichzeitig versuche ich, Dinge zu entmystifizieren, damit nicht alles ein grosses Geheimnis bleibt. Ich möchte zulassen, dass Prozesse sichtbar sind.

Was heisst das konkret?

Gerade arbeite ich an meinem zweiten Album, und ein Song heisst «Exit Group». Darin geht es um Frustration und Zugehörigkeit – in der Musikszene, aber auch allgemein als selbstständige, kulturschaffende Person. Über den emotionalen Druck und darüber, wie sehr zwischenmenschliche Beziehungen die Arbeit prägen, wird kaum gesprochen. Ich hatte lange Angst, diese Frustration auszusprechen. Vor meiner Pause habe ich versucht, unbedingt in eine bestimmte Szene hineinzupassen, von der ich dachte, sie sei offen und unterstützend. Je näher ich kam, desto mehr bröckelte diese Fassade. Als ich den Song zum ersten Mal spielte, merkte ich, wie viele andere Kulturschaffende sich darin wiedererkannten. Das hat mir gezeigt, dass diese Gefühle nicht individuell sind.

Anouchka Gwen begibt sich als Solokünstler*in auf eine neue musikalische Reise. Copyright: Kërå Pathmanathan

Fühlst du dich auf der Bühne manchmal freier als im Alltag?

Ja, auf jeden Fall. Schreiben und Performen sind für mich zwei völlig unterschiedliche Räume. Schon Gedanken aus dem Kopf aufs Papier zu bringen, ist ein grosser Schritt – dieses Loslassen fühlt sich jedes Mal amazing an. Aber die Texte dann auf der Bühne zu teilen und zu spüren, was zurückkommt, hat etwas Kathartisches. Es ist, als würde sich ein Kreis schliessen. Diese Resonanz gibt mir eine Bestätigung für das, was ich fühle.

Du arbeitest nur mit Stimme und Bass – zwei sehr körperliche «Instrumente». Wenn dein Sound eine Landschaft wäre: Wie sähe sie aus?

Wie ein tropischer Wald. Viele Blumen und hohe Bäume, die in den Himmel wachsen und gleichzeitig tief verwurzelt sind. Meine Stimme ist ziemlich tief und hat eine grosse range, und genau so fühlt sich diese Landschaft an: weit, nach oben offen, aber auch geerdet. Ein Wald voller Wärme, Feuchtigkeit und Nährstoffe – dicht, lebendig, rich.

«Auch wenn vieles in Trümmern liegt, kann man trotzdem etwas tun.»

Anouchka Gwen, Musiker*in

Dein Konzert an der Gessnerallee ist Teil des Programmschwerpunkts «Communities of Hope». Was bedeutet Hoffnung für dich persönlich?

Zusammenzukommen und sich auszutauschen – nicht allein zu sein. Gedanken zu teilen, einander zuzuhören und zu spüren, dass man mit seinen Gefühlen nicht isoliert ist. Oft entsteht Hoffnungslosigkeitgenau dann, wenn man glaubt, die einzige Person zu sein, die so denkt. Räume, in denen Menschen sich begegnen und miteinander sprechen können, sind für mich deshalb selbst schon Hoffnung. Es ist dieses Gefühl: Auch wenn vieles in Trümmern liegt, kann man trotzdem etwas tun. Solange wir uns verbinden und einander wahrnehmen, ist nie alles vorbei.

Was wünschst du dem Publikum, wenn es den Raum nach deinem Konzert verlässt?

Ich wünsche mir, dass die Leute sich warm und gehalten fühlen, fast wie nach einer Umarmung. Dass sie auf irgendeine Weise relaten können, loslassen und für einen Moment alles ablegen dürfen. Wenn man einen schweren Tag hatte, braucht man manchmal genau das: sich fallen lassen und kurz auftanken. Ich hoffe, sie nehmen diese Wärme und Sanftheit mit, vielleicht auch eine gewisse Leichtigkeit. Ich kann manchmal auch goofy sein, und wenn etwas von dieser Verspieltheit hängen bleibt, wäre das schön. Dass jede*r rausgeht mit genau dem Gefühl, das gerade gebraucht wird.

Zur Künstler*in

Anouchka Gwen ist eine in der Schweiz geborene*r und aufgewachsene*r Singer-Songwriter*in, Bassist*in und kulturschaffende Person, die derzeit in Zürich lebt.

Zur Veranstaltung

«Anouchka Gwen»
Konzert
Sa, 11.04., 22 Uhr

Mehr zum Programmschwerpunkt «Communities of Hope»

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