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Interview

«Unsere Körper sind Archive»

Die zwei Künstlerinnen Fatima Moumouni und Zainab J Lascandri über ihre Kindheiten als Black children und Performance als Ort von Erinnerung und Widerstand. Ein Gespräch über Einsamkeit, Unsichtbarkeit – und die Möglichkeit einer anderen Zukunft.

Suban Biixi, 18. März 2026

Die Verbindung war in dem Moment da, als sie sich an der Bar der Gessnerallee das erste Mal trafen: Fatima Moumouni (links) und Zainab J Lascandri. Copyright: Laura Gauch

Performerin, Musikerin, trans- und interdisziplinäre Künstlerin Zainab J Lascandri war letztes Jahr Teil des OPEN STUDIO, bei dem Künstler*innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen mit dem Klangkünstler Dimitri de Perrot an Inszenierungen mit Klang und dem Thema Zuhören forschen. Im Dezember zeigte sie in diesem Rahmen «Imagine A Black Child» in der Südbühne der Gessnerallee. Das Stück thematisierte diasporische Erfahrungen im Kontext Schweiz, das Kindsein in den 1980er- und 1990er-Jahren, das Erwachsenwerden in den 2000ern, aber auch Mutterschaft und Älterwerden in der Gegenwart.

Begleitet wurde Lascandri beim Prozess von den Künstler*innen Fatima Moumouni, Tracy September und Brandy Butler. Die Autorin Suban Biixi hat Zainab J Lascandri und Fatima Moumouni vor der Premiere des Stücks zu einem Gespräch an der Gessnerallee getroffen.

Suban Biixi: Ihr seid zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten als Black children aufgewachsen. Wie erinnert ihr euch an diese Kindheit?

Zainab J Lascandri: Zürich in den Achtzigern war grau, bieder und weiss. Ich fühlte mich als kreatives Kind oft ausgegrenzt. Es gab eine klare Hierarchie dessen, was als spannend und cool galt – meine Begabung im Zeichnen gehörte definitiv nicht dazu.

Du fühltest dich doppelt einsam – als kreatives und Schwarzes Kind?

Zainab J Lascandri: Ja, das Gefühl der Einsamkeit hat sich stark durch meine Kindheit gezogen. Ich wurde immer wieder angegriffen und ausgegrenzt – lange wusste ich nicht, wofür. Vieles kam zusammen: meine Scheidungseltern, mein Aussehen, meine soziale Herkunft.

Fatima Moumouni: Ich liebe es, dass du Scheidungseltern und nicht Scheidungskind sagst.

«München in den Neunzigerjahren war gefühlt diverser als Zürich in den Achtzigern.»

Fatima Moumouni

Fatima, gab es einen Moment, in dem dir bewusst wurde, dass du ein Black child bist?

Fatima Moumouni: Ich habe schon immer gewusst, dass mein Vater Schwarz ist. Ein prägendes Erlebnis war, als mich ein anderes Kind zum ersten Mal rassistisch beleidigt hat. Das war schmerzhaft, aber auch stärkend, weil meine Eltern mich sehr unterstützten. Mein Vater hat mich empowert und meine Mutter hat dem Kind einen Brief geschrieben, den ich ihm überreichen konnte. München in den Neunzigerjahren war gefühlt jedoch diverser als Zürich in den Achtzigern.

Inwiefern diverser?

Fatima Moumouni: Es gab viele migrantische und muslimische Kinder, zu denen ich eine Verbindung gespürt habe. Als Schwarzes Kind war ich trotzdem oft allein. Rassismus war immer ein Thema. Im ersten Kindergarten wurde ich wegen meiner Hautfarbe gar nicht erst aufgenommen.

Zainab J Lascandri verarbeitet ihre Gefühle mit Sound, Bild, Tanz und Bewegung. Copyright: Laura Gauch

Zainab, in deinem Stück «Imagine A Black Child» nimmst du uns durch die Erfahrung deines eigenen Lebens mit. Kindheit, Erwachsenwerden, Muttersein, Älterwerden. Warum ist dein eigenes Leben ein Objekt deiner Kunst?

Zainab J Lascandri: Mit Sound, Bild, Tanz und Bewegung kann ich Gefühle verarbeiten und ablegen. Man könnte es auch Eigentherapie nennen. Ich mag es, meine Erfahrungen zu teilen, in den Dialog zu gehen und die Resonanz mit anderen zu spüren.

Hast du deswegen Fatima zur Zusammenarbeit am Stück eingeladen?

Zainab J Lascandri: Ja, ich wollte es nicht so stark auf mich zentrieren. Die Arbeit von Fatima kannte ich bereits: Ihre Rap-Performances haben mich als ehemalige Freestyle-Rapperin beeindruckt.

Fatima Moumouni: Wir verstanden uns von Anfang an gut. Als wir uns in der Bar der Gessnerallee das erste Mal sahen, war sofort eine Verbindung da.

«Es ist ermächtigend, Schmerz zu transformieren und darüber zu lachen.»

Fatima Moumouni

Welche Rolle hast du im Stück, Fatima?

Fatima Moumouni: Ich lese als the reader Texte vor.

Zainab J Lascandri: Fatima hat auch Humor ins Stück gebracht. Viele aufgenommene Stellen – Versprecher oder witzige Gespräche zwischen uns – sind so darin gelandet. Diese habe ich absichtlich dringelassen. Ich bewundere, wie Fatima mit Sprache und Humor umgeht.

Humor ist auch ein wichtiger Teil deiner Spoken-Word-Stücke «GOLD» und «COLD», die du gemeinsam mit dem Schweizer Autor und Rapper Laurin Buser geschrieben hast. Warum nutzt du Humor, Fatima?

Fatima Moumouni: In erster Linie, weil es Spass macht. Ohne Humor müssten wir alle weinen. Gerade bei Rassismuserfahrungen verarbeite ich vieles über Witz. Wenn ich im Alltag angegriffen werde, schreibe ich es auf und bringe es auf die Bühne. Es ist ermächtigend, Schmerz zu transformieren und darüber zu lachen.

Witze können schützen?

Fatima Moumouni: Ja, ich habe humorvolle Texte geschrieben, um mich weniger verletzlich zu zeigen. Früher war ich mit meinen Texten überall unterwegs, an jedem noch so kleinen Fest – wie ein buchbarer Clown. Je nach Publikum fühlte ich mich dabei nicht immer wohl, mit intimen Texten aufzutreten. Also schrieb ich seichtere Texte: mehr Witz, weniger Tiefe.

Zainab J Lascandri: Hattest du Momente, in denen du nicht mehr auftreten konntest, weil es sich zu unangenehm anfühlte?

Fatima Moumouni: Nein – nachdem ich mich mit meinen intimen Texten unwohl zu fühlen begonnen hatte, habe ich mehr «Haudrauf»-Texte geschrieben. Zum Beispiel einen Text über Rassismus, in dem ich das N-Wort genutzt habe. Der kam zwar beim Publikum super an, aber trotzdem fühlte ich mich danach nicht gut. Er war zu simpel, zu witzig. Ich habe mich für ein weisses Publikum reduziert.

Die eigentliche Kunst ist die Kreation von Fallhöhen, ohne das schlimmste Wort zu nutzen: Fatima Moumouni. Copyright: Laura Gauch

Für wen schreibst du deine Texte?

Fatima Moumouni: Für niemand Bestimmten. Aber heute habe ich den Anspruch: Der Text soll die Schwarze, queere, muslimische Person im Publikum nicht verletzen oder beschämen. Früher habe ich weisse Befindlichkeiten und Lernprozesse ins Zentrum gestellt. Heute ist es mir wichtiger, dass sich marginalisierte Gruppen nicht unwohl fühlen, als dass Hansueli und Peter lachen und dadurch aber besser verstehen, was ich ihnen vermitteln will. Die Suche nach dem richtigen Wort ist Poesie. Fallhöhen zu kreieren, ohne das schlimmste Wort zu nutzen – das ist die eigentliche Kunst.

Wie fühlst du dich auf der Bühne, Zainab?

Zainab J Lascandri: Manchmal fühle ich mich auf der Bühne gesehen, dann spüre ich die Resonanz mit dem Publikum, und die Grenze zwischen uns löst sich auf. Manchmal spüre ich aber eine unterkühlte Stimmung im Publikum und fühle mich sehr einsam.

«In einer Realität aufzuwachsen, die für andere nicht existiert, aber dich schmerzt, erzeugt tiefe Scham.»

Zainab J Lascandri

Sollte das Stück «Imagine A Black Child» eine Resonanz beim Publikum erzeugen?

Zainab J Lascandri: Ja, Kernthema des Stücks ist Einsamkeit. Und das Stück selbst ist eine Strategie, diese Einsamkeit zu überwinden. Meine Erfahrungen zu teilen und die Resonanz des Publikums zu spüren, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Es geht im Stück um das, was sonst keinen Platz bekommt ...

Zainab J Lascandri: Genau – dem Unsichtbaren Sichtbarkeit geben.

Fatima Moumouni: Besonders in der Schweiz ist es wichtig, Themen wie Rassismus und Armut sichtbar zu machen. Hier verschliesst man gerne die Augen. Die humanitäre Schweiz ist in der Welt sehr sichtbar, zugleich bleiben die Menschenrechtsthemen im eigenen Land oft unsichtbar.

Zainab J Lascandri: Für Betroffene löst dieses Nicht-gesehen-Werden auch Scham aus. In einer Realität aufzuwachsen, die für andere nicht existiert, aber dich schmerzt, erzeugt tiefe Scham. Und wer sich schämt, macht sich noch weniger sichtbar und schweigt.

«In meiner Arbeit merke ich oft, wie durch Bewegung und Sounds etwas in mir erweckt wird. Ich spüre die Verbindung zu meinen Vorfahren, zu meinen Eltern.»

Zainab J Lascandri

Fatima Moumouni: Beim Thema Rassismus ist Unsichtbarkeit auf besondere Weise mit Sichtbarkeit verknüpft. Du wirst an der falschen Stelle gesehen – und zugleich nicht gesehen. Beispielsweise offizielle Statistiken, die wichtig wären, um unsere Lebensrealität zu zeigen, etwa zu rassistischer Polizeigewalt, gibt es nicht, aber gleichzeitig sind rassifizierte Menschen für die Polizei sehr sichtbar und werden herausgezogen.

Zainab J Lascandri: Unsere Körper sind auch stark darin, Erfahrungen zu speichern. Auch wenn diese unausgesprochen bleiben, verschwinden sie nicht. Sie verlagern sich. Unsere Körper sind Archive. In meiner Arbeit merke ich oft, wie durch Bewegung und Sounds etwas in mir erweckt wird. Ich spüre die Verbindung zu meinen Vorfahren, zu meinen Eltern. Unbewusst Gespeichertes wird aktiviert. Manche Rhythmen berühren mich und meine Energie fährt hoch.

Fatima Moumouni: Musik trägt Erinnerungen, Kultur, Schmerz und Hoffnung, Widerstand, Freude in sich. Ich habe mich gefragt, als ich in das Land meines Vaters reiste, ob mich die Liebe zum Spoken Word mit meinen Vorfahren verbindet.

Zainab J Lascandri über Fatima Moumouni: «Ich bewundere, wie sie mit Sprache und Humor umgeht.» Copyright: Laura Gauch

Gibt es in eurer Arbeit auch Momente, die nach vorne weisen?

Fatima Moumouni: Ich würde gerne mehr mit Utopien spielen. Sprache ist mächtig, sie kann Utopien formen. Utopien werden in unserer Kultur hier oft genau wegen ihres Noch-nicht-Realität-Seins abgewertet, doch sie sind wichtig, um an Positives zu glauben und die Energie zu finden, darauf hinzuarbeiten.

Zainab J Lascandri: Was ist deine Utopie, Fatima?

Fatima Moumouni: Noch immer der Weltfrieden.

Was wünschst du Black children der Zukunft, Zainab?

Zainab J Lascandri: Auch den Weltfrieden und das Ende des Kapitalismus. Wenn sie diesen nicht überwinden, wird es keine Black children mehr geben. Niemanden mehr.

Fatima Moumouni: Ich wünsche ihnen, dass sie einfach existieren können. Ohne exzellent sein zu müssen. Ohne dem Mythos «Wenn du dreimal so hart arbeitest, schaffst du es und wirst akzeptiert» nachzurennen. Ohne Abwertung, die auf ihren Schultern liegt. Das ist aber wieder utopisch ...

Zainab J Lascandri: Sie sind auf dem guten Weg. Ich sehe es an meinen Kindern.

Zu den Künstlerinnen

Zainab J Lascandri ist Performerin, Musikerin, trans- und interdisziplinäre Künstlerin. Ihre Praxis bewegt sich zwischen Populärkultur und zeitgenössischer Kunst, zwischen kollektiven Prozessen und persönlichem Ausdruck. In ihren Arbeiten verwischt sie Kategorien, dekonstruiert Zuschreibungen und schafft Räume jenseits etablierter Normen.

Fatima Moumouni ist Spoken-Word-Poetin, Moderatorin und Kolumnistin. Seit 2011 ist sie auf diversen Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs. Auch international war sie in den letzten Jahren mit ihren Texten eingeladen, zuletzt beim Projekt «Poesìa Intercontinental» in Havanna, beim «Slam Nacional» in Mexiko City und beim «Writers Festival» in Singapur sowie im Rahmen des Projekts «FLIPAS» in Madrid. Nebst Soloauftritten tritt sie zusammen mit Laurin Buser im Duo auf. Die beiden wurden für ihr gemeinsames Abendprogramm «GOLD» 2022 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet.

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