Mohammad möchte nicht mehr in den Kindergarten gehen. Er klagt seit Tagen über Bauchschmerzen, die seine Eltern zunächst als nicht besonders ernst zu nehmendes Zeichen von Nervosität abtun, schliesslich ist der Kindergarten noch neu.
Die Schmerzen werden aber immer schlimmer, und die Eltern beginnen sich Sorgen zu machen. Sie suchen das Gespräch mit Mohammad und erfahren, dass er bisher immer mit den Mädchen gespielt hat. Letzte Woche sei er aber beim Prinzessinspielen von den anderen Buben ausgelacht worden. Sie hätten ihm gesagt, dass nur Mädchen Prinzessinnen sein können.
Mohammads Eltern sprechen daraufhin mit der Kindergartenlehrperson. Diese reagiert verständnisvoll und erklärt beim nächsten Morgenkreis anhand des Kinderbuchs «Julian ist eine Meerjungfrau», dass Verkleidung für alle Kinder da ist, egal welches Geschlecht sie haben.
«Um Diskriminierungsformen abzubauen, muss man ihre grundsätzliche Wirkweise verstehen und lernen, sie im Schulalltag überhaupt zu erkennen.»
In der nächsten Pause geht Mohammad glücklich wieder in die Verkleidungsecke, und ein zweiter kleiner Junge traut sich auch zum ersten Mal. So könnte die Geschichte von Mohammad ein Happy End haben, und tatsächlich ist es so, dass in Bezug auf das Thema der geschlechtergerechten Schule in den letzten Jahren sehr viel passiert ist. Gleichzeitig spiegelt sich die Überforderung von Teilen der Gesellschaft mit diesem Thema gerade auch im Bildungsbereich.
Geschlechtergerechte Schule
Eine geschlechtergerechte oder genderinklusive Schule ist eine Bildungseinrichtung, die sich damit auseinandersetzt, wie Geschlechterstereotype unsere Gesellschaft prägen, und sich aktiv dafür einsetzt, Diskriminierung abzubauen. Es sollen allen Menschen, unabhängig ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung, die gleichen Chancen geboten werden.
Das klingt zunächst einleuchtend, doch wie sieht die Umsetzung konkret aus? Um Diskriminierungsformen abzubauen, muss man ihre grundsätzliche Wirkweise verstehen und lernen, sie im Schulalltag überhaupt zu erkennen.
Für das Entstehen von Diskriminierung braucht es das Zusammenspiel von Haltung und Macht. Mit Haltung sind dabei sowohl bewusste als auch unbewusste Vorannahmen, Einstellungen, Normen und Werte gemeint.
«Es geht nicht darum, Menschen für die Bilder, die sie im Kopf tragen, zu beschämen, aber es ist wichtig, dass wir uns dieser Bilder bewusst werden.»
Macht entsteht etwa aufgrund von gesellschaftlichen Positionierungen. Eine Lehrperson oder eine Schulpsychologin hat im System Schule gegenüber den Schüler*innen Macht, eine Schulleitung gegenüber den Mitarbeitenden. Weil es sich bei der Haltung auch um unbewusste Stereotype handelt, kann eine Lehrperson oder eine Schulleitung diskriminierend sein, ohne dies sein zu wollen. Hierbei handelt es sich um die sogenannte individuelle Diskriminierung.
Im System Schule gibt es aber auch die institutionelle Ebene. Sogar wenn alle Mitarbeitenden geschlechterinklusiv denken, können Kinder dennoch diskriminiert werden, wenn beispielsweise vorgegebene Lernmaterialien sexistisch sind. Um eine Form von institutioneller Diskriminierung handelt es sich ebenfalls, wenn zum Beispiel nonbinäre Lehrpersonen gezwungen sind, in Anstellungsformularen «männlich» oder «weiblich» anzukreuzen.
Individuelle und strukturelle Diskriminierung
Einerseits müssen wir also lernen, welche eigenen Stereotype und Vorurteile wir in uns tragen, und eine sensible Sprache einüben. Andererseits müssen wir aber auch verstehen, dass Diskriminierung immer strukturell wirkt, und überlegen, wie wir diese Strukturen sinnvoll verändern können. Vielleicht hat es einige Lesende überrascht, dass Mohammads Eltern ihren Sohn beim Verkleiden unterstützen.
Das liegt an verbreiteten Vorurteilen: Einer Familie mit einem Sohn namens Mohammad wird oft unterstellt, an einer geschlechtergerechten Erziehung nicht interessiert zu sein. Sie wird meist auch nicht als queer-freundlich stereotypisiert.
Solche unbewussten Bilder beeinflussen unser Denken. Es geht dabei nicht darum, Menschen für die Bilder, die sie im Kopf tragen, zu beschämen, aber es ist wichtig, dass wir uns dieser Bilder bewusst werden. Ansonsten reproduzieren wir Diskriminierungsformen, ohne dies zu wollen. Die Auswirkungen von Diskriminierung zeigen sich nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch im Umgang mit queeren Lehrpersonen.
Der Eklat rund um den homosexuellen Lehrer in Pfäffikon verdeutlicht dies. Ihm wurde auf Druck von konservativen christlichen Eltern gekündigt. Diese hatten von seiner Sexualität erfahren und davon, dass er Sexualkundeunterricht gab, was laut Lehrplan seine Pflicht ist.1
«Eine geschlechterinklusive Schule kann ein Schutzfaktor sein, besonders für Kinder und Jugendliche, die sich zu Hause nicht outen können.»
Dies zeigt, dass es wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen, wie marginalisierte Mitarbeitende an Institutionen geschützt werden können. Wenn wir uns überlegen, wie eine Schule geschlechtergerechter werden kann, denken wir vermutlich als Erstes daran, welche Lehrmittel und Spiele wir verwenden sollen, in denen Geschlechter nicht stereotyp dargestellt werden. Das ist richtig, aber ebenso notwendig ist es, zum Beispiel an die queeren Mitarbeitenden zu denken und ihre Bedürfnisse zu verstehen.
Sie sind es nämlich, die queere Kinder waren und daher aus eigener Erfahrung wissen, was diese brauchen. Das bedeutet nicht, dass sie als Expert*innen Gratisaufklärungsarbeit leisten sollen, aber ihre Perspektive sollte in dieser Hinsicht besonders ernst genommen werden. Sie sind es auch, die queeren Kindern Vorbilder sein können, was für die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein von queeren Kindern und Jugendlichen von grosser Bedeutung ist.
Eine inklusive Umgebung stärkt das Selbstbewusstsein
Studien2 zeigen, dass queere Kinder und Jugendliche einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen ausgesetzt sind, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, das ihre Identität nicht anerkennt. Höhere Raten an Angststörungen, Depressionen und dadurch auch ein höheres Risiko für Suizid sind die Folge. Eine geschlechterinklusive Schule kann ein Schutzfaktor sein, besonders für Kinder und Jugendliche, die sich zu Hause nicht outen können. Wenn queeren Kindern in der Schule vermittelt wird, dass sie genau so richtig sind, wie sie sind, kann das ihr Selbstbewusstsein und dadurch ihre Resilienz enorm fördern.
Dafür braucht es nicht nur eine genderinklusive Sprache, sondern auch strukturelle Anpassungen wie etwa Ansprechpersonen für queere Schüler*innen (und Mitarbeitende). Ausserdem ist es für Schulen wichtig, sich zu überlegen, wie sie auf Kritik reagieren, bevor es zu Situationen wie in Pfäffikon kommt, damit diese Entscheidungen nicht unter Stress getroffen werden müssen.
Um Schulen geschlechtergerecht zu gestalten, müssen sich alle Mitarbeitenden mit den eigenen Vorurteilen und Stereotypen auseinandersetzen und sich anschliessend überlegen, welche Strukturen angepasst werden müssen, damit queere Kinder und Mitarbeitende die gleichen Chancen erhalten wie alle anderen. Dafür ist es essenziell, dass Weiterbildungen zu diesem Thema angeboten werden und Mitarbeitende mit dieser Thematik nicht auf sich allein gestellt sind.
(Erstpublikation: punktum, die Fachzeitschrift des SBAP (Schweizerischer Berufsverband für Angewandte Psychologie), Mai 2025)
Zur Autor*in
Mani Owzar (keine/dey), setzt sich für diskriminierungssensible Räume ein. Mani ist Mitgründer*in von Diversum, einem Verein für rassismuskritisches Denken. Dey ist Co-Autor*in des Buches «No to Racism. Grundlagen für eine rassismuskritische Schulkultur». Manis zweites Buch «Ich möchte nicht die perfekte Geschichte schreiben», das queere Menschen porträtiert, erschien im Juni 2025.