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Ein Gedanke zu Theater

Eingeschriebene Geschichten

In diesem Format schreiben verschiedene Autor*innen über ihre «Gedanken zu Theater». Ein Beitrag von Amani Abuzahra über Geschichten, die sich über die Jahre in den Körper einschreiben – und wie das Theater diese Einschreibungen sichtbar machen und unterbrechen kann.

Amani Abuzahra, 18. März 2026

Theater hat eine besondere Fähigkeit: Es legt Schichten frei. Nicht nur gesellschaftliche, sondern auch körperliche. Es bringt Dinge zum Vorschein, die längst eingeschrieben sind: in Haltungen, Blicken, Reflexen, in unsere Körper, die wir uns selbst kaum noch erklären können. Man spielt eine Rolle und merkt plötzlich, dass man im Alltag längst eine andere spielt.

Mir ist das in den Proben zur Performance «Asyl Tribunal» mit dem Theaterkollektiv Hybrid in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz im Jahr 2022 bewusst geworden. Ich war eine von fünf Richterinnen. Gespielt wurde an fünf aufeinanderfolgenden Tagen mitten auf dem Judenplatz, im Herzen Wiens: Die Republik Österreich als Angeklagte, weil sie wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten und damit die Genfer Flüchtlingskonvention und das Recht auf Asyl missachtet habe – reale Fälle, nachgespielt als öffentliches Tribunal. Regisseur Alireza Daryanavard sagte mir wiederholt, ich solle ernst schauen. Den Habitus «Dir gehört die Welt» auf der Richter*innenbank einnehmen.

«Erst da wurde mir bewusst, wie sehr dieses Lächeln Teil meiner alltäglichen Rolle ist.»

Amani Abuzhara, Philosophin, Autorin und Trainerin

Zunächst irritierte mich, wie ungewohnt mir dieser ernste Blick im öffentlichen Raum als sichtbare Muslimin war und wie gut er sich anfühlte. Nicht lächeln zu müssen. Nicht freundlich zu sein für irgendjemanden da draussen. Die Spannung nicht mit einem Gesichtsausdruck aufzulösen, der sagt: alles gut. Keine Gefahr.

Erst da wurde mir bewusst, wie sehr dieses Lächeln Teil meiner alltäglichen Rolle ist. Wie automatisch mein Gesicht in einen freundlichen Modus kippt, sobald ich im Fokus stehe, sei es vor einer Kamera, sei es vor einem Mikrofon oder unter einem Scheinwerfer, in einer Öffentlichkeit.

Als Schülerin wurde mir oft gesagt, meine dunklen Augen würden gefährlich wirken. «Wenn Blicke töten könnten, dann deine», hiess es von weissen Menschen. Ich begann zu lächeln, um nicht bedrohlich zu erscheinen. Um Ängste zu entschärfen, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden.

Im Theater durfte ich das lassen. Ernst sein ohne Erklärung. Präsenz zeigen, ohne mich zu entschuldigen. Das hatte etwas Befreiendes. Und machte mir eindringlich klar, wie sehr sich diese Geschichten in meinem Körper eingeschrieben haben. Theater kann diese Einschreibungen sichtbar machen und unterbrechen.

Zur Autorin

Dr.in Amani Abuzahra (sie/ihr), ist Philosophin, Autorin und Trainerin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Rassismus und Fragen des pluralen Zusammenlebens. Zuletzt erschienen unter anderem der von ihr herausgegebene Band «Muslimische Zukünfte. Imaginationsprozesse und kollektive Träume» (transcript) sowie «Von der k. u. k. Monarchie bis zum Islamgesetz 2015. Musliminnen und Muslime in Österreich» (Herder).

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